Aberglaube

Aberglauben in niederrheinischen Gebräuchen
Heimatkalender 1968
von Josef Wolff

Eine Welt des Aberglaubens um Freundschaft, Liebe und Ehe, um Hexen und Geisterspuk und um den Tod.
Um Freundschaft, Liebe und Ehe, um Hexen und Geisterspuk und um den Tod hat sich allerlei Aberglauben gewoben. Hören wir darüber aus alten Sprüchen:
Wer an einem Montag, Mittwoch oder Freitag in einem Dienst tritt, behält seine Dienststelle nicht lange, auch wer an den genannten Tagen heiratet, wird kein Glück haben.
Eine Nadel verschenken, durchsticht die Freundschaft.
Blüht ein Obstbaum oder Rosenstrauch spät im Herbst, so gilt folgender Spruch:
En Blom buten de Tied Bedück en Bruet of en Liek. Wer oft Klee-Glückcr (Vier-, Fünf-, Sechsblätter) findet, der merke sich den Spruch:
Wä Glöck en der Klee, hat Onglöck en der Eh!
Regnet es einer Braut am Hochzeitstage auf den Brautkranz, so kann sich diese merken : Tränen im Brautkranz, Unglück im Ehestand.
Wenn einer ledigen Frauensperson unvorsichtigerweise aufs Kleid getreten wird, heiratet sie bald einen Witwer.
Ein Brautpaar darf auf dem Gange oder der Fahrt zur Kirche keinen Aufenthalt machen, auch nicht umkehren, sonst hat es Unglück im Ehestand zu erwarten.
Der Dienstag ist beliebt und geehrt. Brautleute sollen (wenn immer möglich) Dienstag ihre Hochzeit halten.
Brautleute sollen den Katzen schmeicheln und sie gut füttern, um einen guten Hochzeitstag (besonders schönes Wetter) zu erwarten.
Eine Braut, welche zur Wäsche schlechtes Wetter hat, erfreut sich keines sehr getreuen Bräutigams. Je mehr Scherben der Braut am Hochzeitsabend vor die Tür geworfen werden, desto mehr Glück wird sie in der Ehe haben.
In der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönigen darf keine Hausfrau waschen, denn während dieses Zeitraumes waschen, bringt Unglück, Unfrieden, Kummer und Sorgen in den Hausstand. Sooft einem Mädchen das Schürzenband losgeht, freit ihr Liebhaber ein anderes Mädchen. Das Mädchen, welches den Mut hat, in der Walpurgisnacht (1. Mai) um die Hexenstunde in seinem Schlafzimmer ganz allein mit zwei brennenden Kerzen in der Hand vor den Spiegel zu treten, sich dreimal gegen sein Spiegelbild zu verneigen und dreimal zu rufen: Bräutigam, zeige dich!” wird unfehlbar den Zukünftigen” im Spiegel erblicken neben seinem eigenen Bilde. Ruft ein Mädchen in der Johannisnacht (24. Juni) in der Geisterstunde in den Schornstein hinauf: Wie heißt mein Bräutigam?”, wird ihm eines unsichtbaren Geistes Allwissenheit” Rede stehen und aus der Höhe des Rauchfanges herunter den Namen des richtigen Bräutigams zurufen. In dem Hemde, bei dessen Nähen ein Mädchen sich unversehens in den Finger sticht, so daß Blut fließt, wird es Braut.
Wenn einem Mädchen eine Haarnadel unversehens fällt, denkt der Liebhaber an sie. Wenn ein Mädchen oder ein Bursche eine Schote mit neun Erbsen hinter die Türe legt, so spricht der erste, welcher die Schwelle überschreitet, den Namen seines künftigen Bräutigams oder seiner Braut aus.
Wenn eine Braut mit einer brennenden Kerze in der Hand in ihr Schlafzimmer geht und zugleich von dem Docht knisternde Funken absprühen, kann sie annehmen, daß ihr Bräutigam sie herzlich liebt. Geschieht dies bei einer anderen Person, so wird sie bald in Zank und Streit geraten. Wer ohne das Kreuzzeichen zu machen, ohne sich zu waschen und zu kämmen des Morgens ausgeht, ist den Tag über unglücklich, über solchen haben die Hexen Gewalt.
Wenn man von einer Hexe gestoßen oder geschlagen wird (durch Zufall oder Absicht), soll man dieselbe gleich wiederstoßen oder schlagen, damit man von ihr nicht behext werde. So oft man von Hexen und Zauberei spricht, muß man dabei sagen: Op dissen heiigen Tag, dat ech von de Hexen kallen mag.”
Wenn in einem alten Hause die Heinzelmännchen gewohnt oder sogar dasselbe erbaut haben, wird dasselbe durch Feuer nicht zerstört werden.
Ist jemand gestorben, und werden ihm die Totenkleider angelegt, muß man ihm die beiden Hauptzehen zusammenbinden, damit er nicht mehr wandern kann.
Irrlichter des Abends oder des Nachts, besonders auf Begräbnisplätzen, Kreuzwegen, Galgenstellen usw., bedeuten, wenn sie sich fortbewegen, Gespenster und böse Geister, wo dieselben stillestehen, liegt ein Schatz begraben.
Es ist nicht ratsam, des Abends oder Nachts die Mitte eines Weges zu gehen, welcher vom Hufschlag der Pferde betreten wird, weil die Geister hier ihren Gang haben und man leicht wider einen Geist stoßen kann.
Ein dreibeiniger Melkstuhl muß immer aufrecht hängen oder stehen, damit eine arme Seele sich vor dem bösen Geiste darunter flüchten kann.
In der Mainacht um 12 Uhr muß jeder Hausherr auf alle Türen des Hofes drei Kreuze machen, diese Kreuzzeichen verscheuchen die Wetterhexen, welche sonst durch Blitz und Gewitter Schaden zufügen.
In dieser Haupthexennacht kommen von allen Weltgegenden die Hexen durch die Luft, um vor ihrem höllischen Meister zu erscheinen. Wenn sie müde sind, rasten sie auf Weißdornhecken, brechen deren Spitzen aus und essen sie. Darum springen auch in dieser Nacht am Weißdornstrauch die Spitzen ab.
Wenn am Mittag das Vieh zum erstenmal auf die Weide getrieben wird, legt man etwas Scharfes vor die Stalltüre, den darübergehenden Tieren zum Schutz gegen Hexen und böse Geister. Bei einem Gewitter haben die Hexen und bösen Geister die meiste Gewalt und benachrichtigen sich gegenseitig, wo sie die nächste Versammlung zu ihren Lustbarkeiten halten wollen.
Seitdem das Morgen-, Mittag- und Abend-Ave-Läuten eingeführt, sind die Heinzelmännchen verschwunden.
Die Stelle, wo ein Schloß, eine Mühle oder ein Hof versunken ist, gilt nach dem Abend- bis Morgen-Ave-Läuten als unheimlich. Des Nachts geht dort in der Geisterstunde der Geist des verstorbenen früheren Bewohners herumspuken, bis er abgefragt und sein Wunsch erfüllt wird. In der heiligen Christnacht dürfen die bösen Geister keinem Menschen etwas zuleide tun. In den Nächten von Weihnachten bis Dreikönige treiben die Spuke und Gespenster am liebsten ihr Unwesen. Elstern bringen Unfrieden und böses Geschwätz. Dieselben werden auch als verwandelte Hexen angesehen.
Mit den Gebeinen der Nachteule kann man Zauberkünste treiben.
Wenn man auf oder an einem Wege ein Kreuz auf der Erde zeichnet, kann dort, solange dasselbe sichtbar ist, eine arme Seele vor dem höllischen Geiste flüchten. — Eben dasselbe kann sie überall da, wo ein Kreuz, Fußfall oder Heiligenhäuschen steht.
Die Eggen müssen abends auf die Schleife oder durch sonst ein Holz erhöht und gestützt werden.
Wegen der Kreuze an denselben kann des Nachts eine arme Seele sich vor den Nachstellungen des bösen Feindes flüchten.
Um die Grenzsteine schreiten zu mitternächtlicher Stunde feurige Wächter, welche dieselben schützen.
Schwarze Katzen sind verwandelte Hexen, die gern in die Schlafzimmer schleichen. Auch um den Gevatter Tod hat sich eine Welt des Aberglaubens und der Sage aufgebaut: Schlägt während der hl. Wandlung mit der Wandlungsglocke gleichzeitig die Glocke zum Stundenschlag, so muß einer sterben.
Heult in der Nachbarschaft eines Kranken ein Hund, so holt bald der Tod sein Opfer. Fliegt eine Elster schreiend um ein Haus oder ruft ein Käuzchen: Komm mit!”, so muß einer sterben. Wühlt der Maulwurf am Fundament eines Hauses einen Gang, so muß in dem betreffenden Hause bald einer sterben.
Schreit ein Rabe auf einem Hause, so bedeutet das, daß bald einer in demselben sterben muß, schreit ein Rabe dagegen auf dem Friedhof, so bedeutet das, daß jemand lebendig begraben wurde. Ein Kuckuck, der sich in der Nähe eines Hauses aufhält, kündet den baldigen Tod eines Hausbewohners an.
Wollen Pferde an einem Hause nicht vorbei, so stirbt in demselben bald jemand.
Wenn Leichenwagen auf dem Wege zum Friedhof anhalten müssen, so stirbt bald wieder einer in der Nachbarschaft.
Liegt ein Toter mit lachender oder freundlicher Miene auf dem Totenbett, so stirbt bald einer aus der Verwandtschaft.
Begegnet einem Leichenzuge unterwegs zuerst eine Mannsperson, so muß bald eine männliche Person in dem Orte sterben, begegnet ihm aber zuerst eine Frau, so stirbt eine solche zuerst. Das Totenhemd darf nicht zu lang sein, damit der Tote beim letzten Gerichte frei gehen kann, ohne darauf zu treten.
Liegt eine Leiche über den Sonntag, so stirbt in der nächst folgenden Woche wieder jemand, nach dem alten Spruch: En Sonndagslick mäkt den Kerkhof rick.”
Aber wir wollen diesen Aberglauben nicht sonderlich ernst nehmen. Man sagt ja auch: So du glaubst, so dir geschieht.”

 

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Stern und Tier

Stern und Tier und Blume fallen …                              Heimatkalender 1970
von Alfred-Wilhelm Scholten

Das strahlende Sonnengold spätsommerlich-warmer Tage des schönen Oktobers 1969 ist längst dahin. Der Flurbereiniger und Aufräumer November regiert und läßt den farbenfreudigen Kunstmaler Herbst allmählich resignieren. Angesichts der Vergänglichkeit der freudigen Pracht seiner Farbenpalette erfaßt ihn nun eine stille und wachsende Melancholie. Nachdem klatschende Regengüsse, von Sturm und Wind gepeitscht, wie rohe Bilderstürmer in den reichen Laubwälderschmuck seines großartigen Naturmuseums einfielen, geht Meister Herbst in Ernst und Unabänderlichkeit selbst dazu über, stumpfe, klagende Grautöne dem verblassenden Bilde unserer weiten Niederrheinlandschaft beizumischen. Immer spärlicher werden Tage und Stunden dünnen Lichtes zaghafter Mittagssonne. Noch ergreift wohl da und dort einsame Wanderer das braunrote Geleucht des Blätterteppichbodens zwischen den kahlwerdenden Stämmen der Buchenwälder. Aber dieser schwache Abglanz eines beendeten rauschenden Licht- und Farbenfestes bekümmert mehr als er erheitern könnte. Jedes noch zur Erde sinkende Blatt, das in stummer Zähigkeit bis zuletzt ausharrte, und das gespenstische Helldunkel-Reflexspiel auf Weg und Steg und allen Gewässern unter grau dahinjagen-den Wolken erhöhen nur die allgemeine Trauerstimmung. Wenn ziehende oder lastende Nebelschleier alles und jedes in geheimnisvoll-schweigsame Undurchdringlichkeit und Namenlosig-keit hüllen, wenn die nutzlos gewordenen Blättermassen in freudlosen Straßen so hilflos vor dem Winde daherjagen, ohne Ruh und Rast, wild durcheinandertanzend, mal hierhin, mal dorthin geworfen: Dann erfaßt alle sinnenden Menschen etwas von der Größe und herben Trauer in diesen Sterbegebärden eines abschiednehmenden Jahres. Wieviel empfänglicher, aufnahmebereiter sind wir nun für die Sprache der Dichtung, für Stimmungen und Eingebungen, wie sie der Lyrik deutscher Zunge über den Herbst in so reicher und mannigfaltiger Weise zueigen sind. Bereiten Herzens werden wir wieder heimisch in Dichterworten älterer und neuerer Zeit, die in Einfachheit und Größe, Klarheit und Kraft das gestalten und aussprechen, was uns alle bewegt. Beginnen wir mit Hermann Hesse:

Seltsam im Nebel zu wandern! Wahrlich, keiner ist weise,
Einsam ist jeder Busch und Stein, Der nicht das Dunkel kennt,
Kein Baum sieht den andern, Das unentrinnbar und leise
Jeder ist allein. Von allen ihn trennt.
Voll von Freunden war mir die Welt, Seltsam im Leben zu wandern!
Als noch mein Leben licht war; Leben ist Einsamsein.
Nun, da der Nebel fällt, Kein Mensch kennt den andern,
Ist keiner mehr sichtbar. Jeder ist allein.

Wie meisterhaft sind hier in herber, schöner Sprache vor dem Hintergrund des herbstlichen Naturgeschehens tiefe Erkenntnisse über Leben und Eingebettetsein in den Kreislauf des unabänderlichen Stirb und Werde aufgezeichnet. Leben ist einsamsein” . . . Wer nicht das Dunkel des Älter- und Einsamerwerdens, das herbstliche Abschiednehmen, in seine Lebenserwartungen in rechter Weise mit einzupassen vermag, wird wohl auch nicht in den vollen Genuß berauschender Frühlingsseligkeit des Lebensanstiegs und des Reichtums sommerlicher Lebenshöhe gelangen. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein” . . . Welch seltsame Verquickung ermöglicht dieses Dichterwort, das im Urgrund die gottgewollte Individualität und schicksalhafte menschliche Vereinsamung im Sinne hat, mit Gegebenheiten zeitgenössischer Erscheinungen und Entwicklungen: Wie sehr ist unser auf rein äußerlichen Genuß und Zerstreuung bedachtes, an der Masse und ihren Gewohnheiten ausgerichtetes Leben von innerlicher Verarmung und Vereinsamung bedroht. Wer nur in einem massebetonten Dasein auf der Suche nach materiell-äußerlichen Lebensbereichen sein Heil sucht, wird allein gelassen und auf sich allein gestellt bald sehnsüchtig nach inneren Kräften Ausschau halten, die in seiner Persönlichkeit verkümmert schlummern und nur in der Bindung an höhere, ideale Ziele und Werte mobil gemacht werden können.
Keiner von uns ist Robinson, niemand vermag auf die Dauer mit vernünftiger Existenzaussicht ein Robinsondasein zu führen. Als Einzelwesen sind wir auf Gemeinschaft und Gesellschaft angelegt. Natürliche Gruppierungen, von der kleinsten bis zur größten, Familie, Volk, Menschheit, begründen, umhegen, kultivieren unser Sosein: die zweckgerichtet-künstlich entstandenen Zusammenschlüsse des beruflichen und politischen Existenz- und Freizeitlebens von der Werkstatt bis zum Staat, vom Verein bis zur Partei garantieren unser zivilisatorisches Dasein. Bei allen in der Sache notwendigen Auseinandersetzungen, die es bei der Bewältigung und Gestaltung von Alltagsaufgaben in diesem weiten Bereich immer gibt und geben wird, sollte alles Trennende zugunsten des Gemeinsamen überwunden werden. Vom Gedanken sozialer Verantwortung des einen für den andern darf es wie im christlichen Sinne keine Verlorenheit des einzelnen mehr geben. Mitmenschliches Füreinanderstehen müßte die Menschen unserer Zeit davor bewahren, der Verlorenheit des Dichterwortes, Leben ist Einsamsein, anheimzufallen; soweit jedenfalls, wie sein Sinn menschlich-soziale Beziehungen und nicht unsere Individualität in der Bindung an Überirdisches bedeutet.
Doch dem Herbst als der zunächst stillen, dann stürmischen Feier des Altjahrabschiedes das Wort zu reden, ist nicht allein Sinn dieser Ausführungen. Rilke sagt in einem seiner Herbstgedichte:
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
Und sieh dir andre an: es ist in allen. unendlich sanft in seinen Händen hält.
Hier schließt sich schon an die Sanftheit allen Vergehens und Ausgelöschtwerdens die erste, zaghafte Hoffnung an: Die winterbereite Feierruhe der Natur, die sich schon bald zum Schlafe mit dicken, weißen und weichen Tüchern überziehen wird, ist wie in geheimen Träumen angefüllt von vielseitigen und emsigen Vorbereitungen für ein sieghaftes, brausendes Erwachen im neuen Frühling. Aufmerksamen Beobachtern entgehen nicht die bereits neu gebildeten und sorgsam verpackten Knospen an Bäumen und Sträuchern, und sie wissen im Walde um die stille Vorbereitungsarbeit im dunklen, geschützten Schöße seines blättergedeckten Bodens:

Bald streut das Jahr mit silberweißer Schwinge den ersten Reif. Und bis zum nächsten März nimmt Gott die Blumen und die Schmetterlinge, die Gräser und die vielen zarten Dinge mit sanften Händen an sein warmes Herz.
Martin Damß

Dies alles vollzieht sich wie im Verborgenen, ist stilles, ruhiges Regen und Werden auf lange Sicht. Vorerst aber kommen mit Spätherbst und Winter in langen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten die Stimmen der Stille, Mahner und Rufer, zu uns. Stimmen, die wie ein leise klingendes, immer wiederkehrendes Pausezeichen Natur und Mensch zur Einkehr ins Wurzelhafte alles Seins, zum Kräfteneugewinn durch ein gesammeltes Atemholen aufrufen. Und wirklich scheinen dann bald in Eisesruhe und Winterstarre Kräfte und Mächte im Fluß des sonst so drängenden und pulsierenden Lebens den Atem anzuhalten:

Schönheit dieser Welt vergehet Wie die Welle, die erst kommt
Wie ein Wind, der niemals stehet, Und den Weg bald weiter nimmt.
Wie die Blume, so kaum blüht Was für Urteil soll ich fällen?
Und auch schon zur Erden sieht, Welt ist Wind, ist Blum’ und Wellen.
Martin Opitz

Oder hören wir Rainer Maria Rilke in der letzten Strophe seines bekannten Gedichtes Herbsttag”:
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Viel Trauer und Wehmut ist in diesen beiden Gedichten. Die Hinfälligkeit aller Kreatur endet in der Geborgenheit des Urgrundes, der oben genannten sanften” Schöpferhand. Der Untergang alles Endlichen ist wiederum nur eine Station des Unendlichen” im bleibenden Kreislauf aller Dinge, Räume und Zeiten, im urewigen Stirb und Werde. Untergang des Gewordenen ist somit Heimgang und Neuanfang zugleich. Diese Gedanken finden wir auch in einem Herbstgedicht Erich Bockemühls:

Nun ist kein Beten mehr im Land:
Herr, laß es so und so geschehen!
Denn alles Sorgen ist entspannt,
Wenn auch die Herden heimwärts gehen.

Zuletzt geht alles ja nach Haus, Weht noch ein Lied, weht noch ein Duft,
Und alles muß sich selber finden. Und selbst ein leises Weinen
Die Stille horcht ins Land hinaus, Muß in der grauen Dämmerluft
Und mit den kühlen Abendwinden Sich aller Liebe einen.

Und im Nachsinnen über das zeitlos wunderbare Geschehen der Christgeburt mit dem Siege allumfassender göttlicher Liebe über Vergänglichkeit und Tod erahnen wir mit Bockemühlschen Worten aus seinem Gedicht Weihnacht” erste Anzeichen des wiedererwachenden Lichtes:

In den tiefsten Dunkelheiten daß die Nächte heilig werden
ist seit je es vorbedacht, und der Chor der Sterne rauscht
daß der über alle Zeiten dem, der friedesam auf Erden
hehre Engelsang erwacht, in den hohen Himmel lauscht.

Und so geschieht es dann, daß die Welt eines Tages wiederum aus schweren Winterträumen erwacht. Mit Rudolf Alexander Schröder klingt es schon im Februar oder März zukunftsgewiß:
Braucht nur ein Tauwind sich zu heben. Verzagt Gemüt,
Blick in die Welt und lerne leben: der Winter blüht.

Schneeglöckchen, Seidelbast, Weidenkätzchen und viele neugierige grüne Knospenschuhe sind die ersten drängenden, vor keinem Eiseshauch zurückschreckenden Boten ihres jungen strahlenden Helden, des neuen Frühlings. Wie freudig empfangen Natur und Kreatur die ersten Lichtsignale dieser Frohbotschaft:

Wohl zögert noch das alte Herz O schüttle ab den schweren Traum
und atmet noch nicht frei, und die lange Winterruh,
es bangt und sorgt: Es ist erst März, es wagt der alte Apfelbaum,
und März ist noch nicht Mai.” Herze, wag’s auch du!

„Wagnis des Herzens!” Das ist auch das innerste Anliegen dieses in der Reihe vieler Vorgänger und Nachfolger erscheinenden Kalenders für das Jahr 1970. Wiederum ist sein Bemühen darauf gerichtet, interessierten Lesern bei aller Beschränkung auf Wesentliches umfassend Bericht über das vielgestaltige Leben in unserer Heimat zu erstatten. Die Themen, Kräfte und Mächte, die Ereignisse und Erlebnisse, um die es bei aller Gestaltung des großen Wagnisses Leben” geht, entstammen Bereichen wie Natur, Kultur und Landschaft, Mensch und Arbeit, Geschichte und Gegenwart. Fülle und Vielfalt des hier im Kalender Gebotenen wollen zu Ihnen kommen als ein bescheidener Teil des so notwendigen Dienstes besinnlicher Zwiesprache von Mensch zu Mensch. Dazu verhelfe uns zum Abschluß noch einmal das Bewußtsein des Eingewobenseins in den Kreislauf der natürlichen und kreatürlichen Gegebenheiten, die auf den eben bejubelten Frühling erneut sommerliche Reife, Erntesegen und Herbstesabschied folgen lassen werden. So runden Ringe sich und Rad, so schließt der Kreis des Seins, in dem wir uns dennoch mit all der beglückenden Festlichkeit Hölderlinscher Frühlingsverse heimisch und geborgen fühlen wollen:
Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder, noch altert nicht mein kindisch fröhlich Herz, noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder, noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.
Noch tröstet mich mit süßer Augenweide
der blaue Himmel und die grüne Flur,
mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,
die jugendliche, freundliche Natur.
Getrost! Es ist der Schmerzen wert dies Leben, so lang uns Armen Gottes Sonne scheint, und Bilder bess’rer Zeit um unsre Seele schweben, und ach! Mit uns ein freundlich Auge weint.

 

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Die Heimat

Die Heimat lässt dich nicht                                                  Heimatkalender 1968
von A. W. Scholten

Der Heimatgedanke in einer veränderten Welt

Das ist des Landes eigene Art, die lernt man nach und nach verstehn, daß in den flachen Weiten, verborgen in den Breiten, die tiefen stillen Ströme gehn.

Otto Anthes

Beim Erscheinen eines Heimatkalenders mag manche zeitgenössische kritische Frage nach dem Sinn eines solchen Unterfangens aufkommen. Sie werden sicherlich alle berechtigt und begründet sein. Die folgenden Ausführungen mögen als ein Versuch gesehen und gewertet werden, sich mit einigen Gesichtspunkten aller um den Heimatgedanken sich rankenden Fragestellungen und modernem Zeitgefühl entspringenden Zweifeln und Kritiken auseinanderzusetzen. Es sei dabei gestattet, sich zunächst dem Bild der sich wandelnden Welt zuzuwenden. Im Zeichen beginnender Weltraumfahrten schrumpfen selbst riesige Entfernungen innerhalb der Kontinente des Erdballs und über die sie trennenden Weltmeere vor den schon existierenden Hochleistungen und den zu erahnenden, noch besseren Möglichkeiten modernen Weltverkehrs mehr und mehr zusammen. Mit dieser Entwicklung geht ein unaufhaltsames Näherrücken der Völker und Völkergruppierungen Schritt für Schritt einher. Die vielfältigen Arten verschiedener Lebensvorstellungen und Lebensweisen sind für jeden interessierten Betrachter an jedem beliebigen Punkt des Erdballs trotz aller Buntfarbigkeit einer solch riesigen Gesamtpalette allmählich immer überschaubarer. Die technischen Vollkommenheiten des Nachrichtenaustausches mit Hilfe der sogenannten Massenmedien (Presse, Film, Funk und Fernsehen), die man auch geheime Miterzieher” aller Völker nennt, verhelfen dazu in erheblichem Maße, mehr als früher je möglich schien, über den heimischen Zaun hinweg, den Blick in die Welt zu tun. Mir will es scheinen, daß der ungeheure Wandel unserer hochtechnisierten Welt an der Schwelle des Atomzeitalters und im Angesicht beginnender Weltraumfahrt nicht ohne nachhaltigen Einfluß auf das innere und äußere Verhalten der Menschen untereinander bleiben wird. Ein stetig und unaufhörlich anwachsendes Maß an Kenntnissen voneinander, zunehmender Verflechtung und Berührung der mannigfaltigen menschlichen Interessen- und Lebensgebiete werden als notwendige Vorleistung vor den Jahrhunderten der Zukunft eines Tages über alle politische Rivalität, über alle rassischen, nationalistischen und religiösen Gegensätze und Streitfragen triumphieren und die endgültige Befriedung des humanitären Ausgleichs der einen Menschheit herbeiführen können. Dieser Optimismus als gläubige Grundhaltung an die humanitäre Entwicklung und Zukunft der Menschheit erscheint mir allerdings hierfür wie eine notwendige Voraussetzung. Die aus ihm resultierenden Verhaltensweisen aller, in der Verantwortung eines jeglichen Individuums vor dem von ihm bejahten oder nicht bejahten, dennoch waltenden Gott ermöglichen allein diesen Weg der gesamten Menschheit in eine glückliche, d. h. friedvolle Zukunft. Alle anderen Schritte aus Gesinnungen des Gegensatzes um jeden Preis oder die Auswüchse aller politischen Leidenschaften zwischen den Völkern führen Wege  unheilvollen Wahns  und beschreiten die gefährlichen Gipfelpfade am Rande des Abgrunds des Verfalls und der Vernichtung für die Menschheit. Sicher ist unsere gegenwärtige Welt noch leidvoll genug überschattet von Kriegen und  Kämpfen an den  bekannten Brennpunkten des  Zusammenpralls der  Interessengegensätze der Weltmächte oder in den verschiedenen Gefahrenzonen der nationalistischen Auseinandersetzungen. Schauerlich drohend hängt über uns immer noch das Damoklesschwert eines möglichen 3. Weltkrieges. Aber trotz aller dieser Tatsachen einer politisch, militärisch und weltanschaulich-geistig  gespaltenen  Welt, trotz  der ungesunden Verhältnisse zwischen wirtschaftlicher Hochleistung,  Reichtum  und Sattheit einiger, bitteren  Hungers, der Armut und mühsamen Entwicklung vieler Völker, leuchtet der Menschheit das Licht gläubigen Vertrauens in eine bessere Zukunft, die gemeinsam über alle rassischen, nationalen und religiösen Widersätzlichkeiten hinweg gestaltet werden will. Vor den ungeheuren Aufgaben des 21. Jahrhunderts mit seinen 6 Milliarden und mehr Menschen, vor den Ernährungs- und Siedlungsproblemen gigantischen Ausmaßes in der Verantwortung vor dem gestellten Ziel, diese nur zu erahnende Zukunft zu meistern, sollten eines Tages alle kleineren menschlichen und politischen Streitursachen zwischen den Völkern verblassen und dem Nichts der Bedeutungslosigkeit anheimfallen. Unter den gewaltigen Erschütterungen, die Erdball und Menschheit namentlich in den letzten Jahrzehnten erlebten, unter dem Eindruck und dem Ergebnis der durch fortschrittliche Forschung und Technik herbeigeführten umwälzenden Veränderungen, wandeln sich mit dem Weltbild auch vielerlei alte, über Generationen gültige Vorstellungen und geschichtlich gewachsene   Begriffe.  Sehr viele überkommene traditionsgeheiligte Werte rücken im hellen Licht unserer sehr materiell  und rationell geprägten Wirklichkeit in die Unausweichlichkeit nüchtern-sachlicher Überprüfung und strenger Kritik. Mit der gerade für unser Volk und seine Jugend so bedeutsamen Frage, wie weit nach den unseligen Erfahrungen der jüngsten deutschen Geschichte Tradierungen im Bereich des Nationalen und nationalistische Einstellungen überhaupt noch vertretbar seien, beginnt m. E. auch die Berührung dieser Themengebiete mit der Sache des Heimatgedankens und der besonderen, in Heimatliebe und Heimatgefühl wurzelnden Lebenseinstellung. Die Diskussion um Wert und Unwert, Berechtigung  und Nicht-Berechtigung eines  irgendwie  gearteten Nationalismus  im Rahmen einer Welt, die Frieden und Ausgleich zwischen den Nationen anstrebt, ist in vollem Gang (siehe z. B. Veröffentlichungen über Nation und Nationalismus” von Prof. Eugen Lemberg, Junge Generation und nationales Erbe” von Herbert Eichmann, Nationalismus als pädagogisches Problem in Deutschland” von Kurt Fackiner, Aufsätze von Bundestagspräsident Dr. Eugen Gerstenmeier und Generalleutnant Wolf Graf Baudissin zum gleichen Themengebiet, alle erschienen in verschiedenen Folgen aus Politik und Zeitgeschichte”, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament”  im Sommer 1967).  Stellung zu dieser Frage zu nehmen, kann nicht Aufgabe dieses Aufsatzes sein. Ich berühre sie nur, weil m. E. zwischen den Begriffen Heimat und Nation Bindungen bestehen, weil mir der Weg des Einzelnen zu Volk und Nation immer doch über die Verwurzelung aus dem Heimaterlebnis zu führen scheint. Wir möchten sicherlich alle gern den oben genannten Autoren bei der Feststellung beipflichten, daß ein Wiederaufkommen eines exzessiven Nationalismus in Deutschland als ein nach allem  Vorhergesagten  unsinniges  Übel  empfunden  und auf jeden  Fall  verhindert  werden müsse. Wertvoll und notwendig aber für die Entfaltung und Erhaltung einer echten Demokratie ist die aus freier Entscheidung geborene Einstellung des einzelnen Deutschen zu seiner Nation, zu seinem Staat, die ihn in freiwillig übernommener Verantwortung in seinem Volke sowohl mit gemeinschaftsbezogenen Pflichten als auch individuellen Rechten ausstattet. Eine solche aus Wissen, Einsicht, Erkenntnis und freimütiger Entscheidung erwachsende Bereitschaft für die Demokratie ist erforderlich, weil eine demokratische Gesellschaft ohne ein gewisses Engagement ihrer Mitglieder nicht leben kann und weil sich die Demokratie nun einmal auf der Basis von Staaten und Nationen abspielt.” (Aus Politik und Zeitgeschichte”, B 31/67 v. 2. 8. 67, S. 3.)

Wahre Demokratie wächst auf dem Boden des Mittuns und Sichengagierens aller Individuen der sie tragenden Gesellschaft in den geschichtlich gewordenen, größten natürlichen Gemeinschaften der Völker. Volk und Nation aber finden ihren Wurzelboden, ihre Nahrung und Kraft in den heimatgebundenen Landschaften und Räumen der zur Nation integrierenden Stämme, Völkerschaften oder sonstigen Gruppierungen. Nach diesen Feststellungen  mögen nun auch unserer Zeit der Sinn heimatkundlicher Forschung, die liebevolle Pflege des Heimatgefühls und die Bewahrung heimatlicher Werte einleuchtend werden. Erlaubt sei es, hierzu Romano Guardini, den großen Denker und Religionsphilosophen, zu zitieren: Das Wesen des Landes muß uns aufgehen, wir müssen es fühlen und mit ihm verwachsen. Fühlung  bekommen mit  den Eigenarten und  Verschiedenheiten der  einzelnen Landesteile. Fühlung mit Pflanzen und Tieren, Fühlung mit den Menschen . . ., mit Volkssitte und Überlieferung; mit Gewerbe und Handwerk, Industrie und Handel; mit der Sprache. Dann sind Städte zu kennen, Häuser, Brücken, Tore, Kirchen;  Dichtung, bildende Kunst und Musik.” (Romano Guardini, aus Staat in uns”, Briefe über Selbstbildung.)

Schon im frühen Kindesalter beginnt dieses Hineinwachsen in die reiche Erlebniswelt, in das Wesen des engeren Lebensraumes der Heimat. Dem Tag um Tag, Jahr um Jahr anwachsenden Schatz im Erkennen, staunendem Erfahren und naiv-gläubigen Erleben vielgestaltiger Umweltgegebenheiten im häuslichen Kreise, in Dorf und Stadt, in Feld und Flur und Wald erschließt sich begierig und inbrünstig die ganze aufnahmebereite Kindesseele, die hierbei von Eltern und Erziehern in aller pädagogischen Verantwortung behutsam geleitet werden will. Zwar noch ohne große Reflexion, jedoch mit  bleibender Wirkung eratmen Herz und Sinn in diesen jungen Jahren schon die ganze Schönheit dieser wunderbaren Welt. So wird, um mit Eduard Spranger zu sprechen, zunächst noch unbewußt, dafür umso sicherer lebenslang prägend „Heimat zum geistigen  Wurzelgefühl” des  heranwachsenden Menschen. Der Raum, den das Kind mit ersten bewußten Schritten durchmißt, an den sich seine frühen Erinnerungen und Erlebnisse knüpfen, das ist Heimat.” (Wilh. Helf, Der Mensch und die Heimat”, Rh. Heimatpflege H/1965, S. 143). Wer möchte wohl nicht wahrhaben, daß die ersten schönen Eindrücke erwachender Sinne aus Kinder- und Jugendtagen zeitlebens zum Schatzkästlein sorgsam gehüteter Erinnerungen werden? In dieser oder jener Zusammenstellung und Auswahl sind sie der geheimnisvolle Urgrund mancher  seelischen Stärke in sich und zugleich  der Schlüssel  zu   freimütiger Weltoffenheit.  Aus  tiefer, ehrfürchtiger Scheu  vor Blume, Erde, Baum und Tier, an Bild und Beispiel gütiger, vorbildlicher Menschen formen sich in der frühen Nestwärme heimatlich-heimischer Geborgenheit die Keimkräfte edlen und wahren Menschentums.

So bilden sich aus echter Heimaterfahrung, aus Heimatgefühl und Heimatliebe die starken, kraftspendenden Wurzeln, die den Baum des Volkes als Nation über Stämme und ihre Landschaften hinweg mächtig und frei emporstreben lassen. So mag auch Nation und Nationalismus unter Völkern heute recht gesehen sein:

Wer ohne Überheblichkeit und Prahlerei maßvoll als Volk sich selbst und auch dem Wohl der Welt den eignen Wert einsetzen kann, wird Recht und Raum, Wohlstand und Würde andrer Völker gern und neidlos um sich gelten lassen.

 

Es ist nicht wegzudiskutieren: Der Mensch ist nun einmal ein Wesen, das wurzelhafte Bindungen braucht! Alle Kriegsgefangenen, alle Heimatvertriebenen können bestätigen, wie unzerstörbar vor ihrer Seele das Bild der Heimat gerade in den Stunden größter körperlicher Not und seelischer Bitternis trost- und mutspendend aufleuchtete. Als Urlauber im Kriege pflegte ich die letzte Strecke über Oberhausen Wesel, die mich mit jedem Schienenstoß dem Heimatort näherbrachte, stehend am Fenster zuzubringen. Es war nicht nur die Unruhe der Erwartung auf das ersehnte Zuhause, auf das Wiedersehen mit den Lieben allein! Es war im stetigen Näherkommen stille, beglückende Zwiesprache mit Bekanntem und immer Bekannterem: Die vorüberfliegende Landschaft, Häuser und Fabriken, Busch und Baum und Strauch schienen im Rhythmus des stampfenden Zuges brausend im Chor alle zusammen zu rufen: Daheim, daheim, daheim!

Im Oktober 1955, bei der Rückkehr aus über zehnjähriger russischer Kriegsgefangenschaft, über die Autobahn von Friedland her nahmen meine Sinne und Augen, je mehr wir uns der Heimat näherten, sofort alle baulichen Veränderungen im Landschaftsbild mehr verwundert oder enttäuscht als erfreut wahr. Wirkten sie doch gewissermaßen wie Störungen des jahrelang vor dem geistigen Auge kostbar gehüteten Heimat- und Sehnsuchtsbildes! Auch die in unseren Tagen heranwachsenden Kinder speichern mit zunehmender Sinneskraft die Schönheitsempfindungen und -eindrücke der erhabenen Welt unseres Schöpfers. Im Nachhall alles dessen erahnen sie, wie ehedem auch wir, was ihre Seele groß und weit und gut machen kann.

Es ist an uns, kindlich-gläubiges Erstaunen vor Morgenröte und Sonnenuntergang, dem Blütenwunder des Kirschbaumes, der Gnade der Christgeburt angesichts des Lichterbaumes, vor den Farbwundern des taumelnden Schmetterlings, vor bunten Frühlingswiesen und einem goldüberglänzten Oktobertag in gütiger Weise zu lenken und so entfalten zu helfen, daß sich daraus die nie versiegende Quelle eines Gott und dem Mitmenschen zugewandten humanistischen Geistes ergießen möge.

Allen Berufenen sollte es Aufgabe bleiben, die in allen Menschen verankerte Heimatliebe immer wieder anzusprechen und dieses Ursprungsgefühl edler, wahrer Menschlichkeit zu hellem Bewußtsein zu entfachen. Mit dem, was Heimat uns ist, sich hier und heute, mitten in einer Welt technisch-physikalischer Umwälzung zu befassen, bedeutet nun nicht, allein beim Alten, bei der Welt des Vergangenen, besinnlich stehenzubleiben. Es geht in Anliegen und Inhalt dieses Kalenders darum, den Griff ins volle und pulsierende Leben der Gegenwart zu tun, wohlwissend jedoch dabei, daß alles wertvolle Heutige dem Guten versunkener Zeiten irgendwie verbunden und entsprossen ist. Wurzeln, die aus dem Jetzt noch saft- und kraftschöpfend in den Boden vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte hinunterreichen, bieten wohl die Gewähr, daß sie einen kräftigen, blühenden Baum in die Zukunft emportreiben und auch tragen werden können.

Was man als Niederrheiner stolz empfinden kann, sollte man herzlich offen bekennen: Unsere Heimat ist schön! Der Kreis Rees als Teil des Niederrheins mit seiner vom Rheinstrom und der Rheinniederung beherrschten Landschaft ist in der hier vorwiegenden Lichtstimmung pastellfarbener Töne so reich und vielgestaltig im Wechsel von Siedlungen, Gewässern, Feldern und Auen, Wiesen und Wäldern, seinen schmucken Städten und Dörfern, einsamen Höfen mit hohen Bäumen, alten Kirchen, Burgen und verträumten Schlössern. Die schier unendliche, von der Himmelsglocke überwölbte Ebene erscheint Wie eine von Horizont zu Horizont gespannte Brücke der Weite und Stille, die in heiter-besinnlicher Weise irdisch-menschliche Stimmungen mit der Erhabenheit göttlicher Allmacht wohl zu verbinden vermag. Wer über die Ereignisse der großen Welt, die Interesse und Anteilnahme heutzutage so oft und so sehr gefangen nehmen, sich Herz und Sinne für Stimmen und Eindrücke der Nähe, der Heimat, zu bewahren vermag, wird beim sommerlichen Gang durch die Gefilde dieser Landschaft, auf mancherlei heimischen Heidewegen, wie in beseligender Bestätigung Wahrheit und Wohlklang dichterischer Worte auch für den Bereich unserer Heimat gelten lassen:

 

 

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Die Entführung

DIE  ENTFÜHRUNG                                                             Heimatkalender 1969
von Ernst Bönneken

Episode aus Krudenburgs Franzosenzeit

Durch meine Kindheit geisterte aus Erzählungen meines Vaters und meiner Onkel und Tanten ein französischer Urahn, der mit den napoleonischen Heeren an den Niederrhein gekommen war und dort meine Ururgroßmutter, eine geborene Benninghoff aus Krudenburg, geheiratet hatte. Es war von einer romantischen Brautentführung die Rede. Genaueres war den Erzählenden aber nicht bekannt. Was sie wußten, waren nur Bruchstücke aus der mehr oder weniger verschwommenen mündlichen Überlieferung. Diese Erzählungen haben mir als Kind schon keine Ruhe gelassen. Als ich mich dann später intensiv mit familienkundlichen Dingen befaßte, bin ich auch den Ereignissen um den französischen Urahn durch eingehendes Studium der teilweise noch erhaltenen alten Standesregister aus der Franzosenzeit und anderer einschlägiger Akten nachgegangen. Ich trieb sogar noch eine uralte Großtante auf, die sich auf weitere Einzelheiten aus der mündlichen Überlieferung besinnen konnte. Meine Nachforschungen fanden ihren Niederschlag in nachstehender zusammenfassenden Darstellung, die über den engeren familienkundlichen Rahmen hinaus als interessantes niederrheinisches Zeitbild den Lesern des Heimatkalenders nicht vorenthalten werden soll. Während der napoleonischen Kriege vor mehr als 150 Jahren war die untere Lippe einmal Grenzfluß zwischen zwei Staaten. Da, wo sie heute die Kreise Rees und Dinslaken scheidet, bildete sie damals die Grenze zwischen dem Frankreich einverleibten Gebiet nördlich der Lippe und dem von Napoleon geschaffenen Großherzogtum Berg unter dem ehemaligen Reitergeneral Joachim Murat, seinem Schwager. Krudenburg auf dem rechten Lippeufer gehörte zur französischen Mairie Schermbeck (Arrondissement Rees, Departement de la Lippe), während Hünxe auf dem linken Lippeufer der großherzoglich bergischen Mairie Gahlen (Canton Dinslaken, Arrondissement Essen, Departement du Rhin) unterstand. Zwecks strenger Durchführung der Kontinentalsperre” hatten die Franzosen auch in Krudenburg einen Zollposten stationiert, der den Verkehr zwischen Krudenburg und Hünxe über die Lippebrücke bzw. Fähre zu überwachen hatten. Die französischen Zollbeamten (Douaniers) gehörten zur Armee und hatten militärische Dienstgrade und Uniformen. Zu dem Krudenburger Zollposten gehörte auch der Douanen-Prepose” (Zollaufseher) Louis Francois Felix Royer, geboren 1786 in Bour-mort (Departement Haute-Marne) als Sohn eines Bauern. Als er in Krudenburg war, lebte dort auch der wohlhabende Bauer und Wirt Peter Benninghoff, der aus einer alten Hünxer Familie stammte und nach Krudenburg eingeheiratet hatte. Royer lernte die junge Benning-hoff-Tochter Anna Sybilla kennen. Es entspann sich ein Liebesverhältnis, und beide kamen überein, zu heiraten. Die Eltern Benninghoff und auch der verheiratete Bruder Albert B. waren als streng protestantische und preußisch-patriotische Bauernfamilie gegen eine Heirat ihrer einzigen Tochter und Schwester mit einem, noch dazu katholischen, französischen Vaterlandsfeind”. Die Benninghoffs hatten allerdings, wie so viele andere, auch schlechte Erfahrungen mit den Franzosen gemacht. So hatte ein Offizier einmal von Albert Benninghoff verlangt, ihm sein wertvolles Pferd zu verkaufen, von dem er sich nicht trennen wollte. Als er sich weigerte, hatte der Franzose ihm gesagt: Glauben Sie, wenn ich meinen Leuten sage: steckt das Haus in Brand, daß sie es tun werden?” Mit dieser offenen Drohung hatte er Albert Benninghoff schließlich  gezwungen, ihm das  Pferd doch zu verkaufen. Es war eben Krieg, und die Preußen hätten es im umgekehrten Fall vielleicht auch nicht anders gemacht. Jedenfalls hatte dieses Ereignis mit dazu beigetragen, daß man die Franzosen als Unterdrücker” betrachtete und macht es verständlich, daß Benninghoffs ihre einzige Tochter und Schwester keinem Franzosen zur Frau geben wollten. Anna Sybilla hielt aber zu ihrem Franzosen, dem man daraufhin das Haus verbot. Da sie keine andere Möglichkeit sahen, kamen die beiden Liebenden überein, eine Entführung zu inszenieren. Eines nachts ließ Royer das Mädchen mit dessen Einverständnis durch einige Soldaten gewaltsam aus dem Haus holen. Vor die Schlafzimmertüre des Bruders wurden in eindrucksvoller Weise Posten gestellt, die vorgaben, Schießbefehl zu haben, wenn er sich der Herausgabe der Schwester widersetzte. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Anna Sybilla verließ das elterliche Haus und kehrte niemals  dahin zurück.

Da sie erst 23 Jahre alt und somit nach dem damals geltenden Recht noch nicht großjährig war, mußte sie die Einwilligung der Eltern zur Heirat haben. Die Eltern weigerten sich aber nach wie vor, ihre Zustimmung zu geben. Daher hat sie, um den Vorschriften des Code-Napoleon” (napoleonisches Gesetzbuch) gerecht zu werden, dreimal in ehrerbietiger Weise” versucht, die Einwilligung der Eltern doch zu erhalten. Zu diesem Zweck begab sich in ihrem Auftrag der kaiserliche” Notar Bernhard Joseph Averbeck aus Rees am 21. September, 21. Oktober und 21. November 1812 nach Krudenburg. Die Eltern blieben aber bei ihrer Weigerung und erklärten jedesmal, daß Sie Ihre Einwilligung zu der von Ihrer Tochter beabsichtigten, von mir Notar vorgetragenen, Heyrath mit dem Ludwig Franz Felix Royer auß bewegenden Gründen, unter andern auch deßhalb nicht zugeben könnten, noch wollten, weil Sie diese Persohn von Hauß auß nicht kennen und glaubten, daß solche ihre Tochter nicht standesgemäß ernähren könnte.”

Über jeden der Besuche des Notars bei den Eltern wurden Urkunden angefertigt, die sich heute noch bei den alten französischen Standesakten im Personenstands-Archiv Schloß Brühl bei Köln befinden.

Nachdem so den Vorschriften des Gesetzes Genüge getan war, haben die beiden Brautleute dann am 23. Dezember 1812 vor dem Beygeordneten der Munizipalität Schermbeck, Anton Hedding” geheiratet. Darüber wurde im Heiratsregister ein langer Akt eingetragen, der sich ebenfalls noch im Schloß Brühl befindet. Trauzeugen waren Alexandre Joseph Ribeaucourt, Douanen-Prepose in Schermbeck, Francois Milhomme, Douanen-Prepose in Schermbeck, An-toine Isidore Denis Großet, Soulieutenant des Douanes in Bricht und der Wirt Johann Hendrich Felderhoff aus Bricht. Die Trauung wurde nach dem seit der Revolution in Frankreich geübten Brauch nur standesamtlich vorgenommen. Eine kirchliche Trauung war jedenfalls bei keiner der infrage kommenden evangelischen und katholischen Gemeinden zu finden.

Das Ehepaar Royer soll zunächst in Krudenburg gewohnt haben. 1813 lebten die Royers in Wesel, wo sie in der Kurze-Straße (rue courte) wohnten. Anscheinend hat Royer sich, wohl aus verständlichen Gründen, nach dort versetzen lassen. Am 29. Mai 1813 wurde ihnen ein Sohn Peter Nikolaus (Pierre Nicolas) geboren. Die Geburtseintragung findet sich in den französischen Standesregistern der Mairie Wesel (Personenstandsarchiv Brühl). Das Kind wurde am 1. Juni 1813 in der Kirche St.-Maria-Himmelfahrt zu Wesel katholisch getauft. Die Mutter starb im Kindbett am Nervenfieber. Sie soll ihre Eltern vor ihrem Tode gebeten haben, sie doch einmal zu besuchen, was diese aber in ihrem Starrsinn mit der Begründung ablehnten, sie hätten keine Tochter mehr. Der Bruder Albert und seine Frau haben sich ihrer aber doch erbarmt und sie bei ihrem Besuch sterbend vorgefunden. Royer, der sich als Soldat um den Säugling nicht kümmern konnte, übergab das Kind in die Obhut seines Schwagers, der es mit nach Krudenburg nahm. Es wird erzählt, daß seine Frau, die gerade selbst ein Kleinkind hatte, in aufopfernder Weise das eigene Kind entwöhnt und den Säugling der Schwägerin an die Brust genommen habe. Anna Sybilla starb am 8. Oktober 1813 und wurde in Drevenack beerdigt. Sie war erst 24 Jahre alt.

Die von den Franzosen besetzte Festung Wesel war um diese Zeit nach dem verlorenen russischen Winterfeldzug und dem begonnenen Freiheitskrieg als eines der letzten französischen Bollwerke schon von allen Seiten bedroht. Nach der Kapitulation Wesels im April 1814 mußte Royer dann mit den zurückflutenden französischen Heeren Wesel verlassen. Seinen kleinen Sohn konnte er natürlich nicht mitnehmen. Er wurde in die Familie seines Onkels Benning-hoff aufgenommen und als Pflegesohn zusammen mit dessen eigenen Kindern evangelisch erzogen. Er wurde also keinesfalls von seinem Vater einfach im Stich gelassen, wie aus einer gewissen Familienanimosität heraus oft behauptet wurde, sondern dieser war durch die kriegerischen Ereignisse eben gezwungen, das Kind in der gesicherten Umgebung der Familie seines Schwagers zurückzulassen. Er soll überhaupt trotz der etwas gewalttätig erscheinenden Entführung seiner Frau ein sehr guter Mensch gewesen sein, der so garnicht in das Zerrbild paßte, das man sich damals von einem französischen Vaterlandsfeind machte. Er reiste in der ersten Zeit mindestens einmal jährlich von Frankreich nach Krudenburg, um seinen Sohn zu besuchen. Da ihm aber zunächst verboten war, das Benninghoffsche Haus zu betreten, kam es vor, daß er manchmal vom Lippedamm aus sein Kind aus der Ferne sehen konnte. Anscheinend ist das Hausverbot später nach dem Tode seines Schwiegervaters Peter Benninghoff (1825)  etwas gelockert worden. Es wird von einem  seiner späteren Besuche in Krudenburg erzählt, daß sein Junge bei seiner Ankunft gerade auf dem Kirmesplatz war und man das Kind nur mit Mühe nach Hause holen konnte, um seinen Vater zu begrüßen. Sein deutsch nur radebrechender Vater war ihm natürlich fremd geworden, und er fühlte sich zwangsläufig wohl mehr zu seinen Pflegeeltern Benninghoff hingezogen. Royer hat dies wbhl eingesehen und davon Abstand genommen, das Kind aus seiner vertrauten Umgebung herauszureißen und es mit nach Frankreich zu nehmen. Aus diesem Grunde sind nach Heranwachsen des Sohnes die Besuche des Vaters wohl auch eingestellt worden.

Daß er ein guter Mensch war, bezeugte später auch eine alte Frau aus Krudenburg, die ihn kannte und ihn bei seinem letzten Besuch noch ein Stück Weges begleitet hatte, wohl auf dem Wege zur Postkutsche in Peddenberg, von wo er über Wesel nach Frankreich zurückkehrte.

Royer blieb aber auch später noch in brieflicher Verbindung mit seinem Sohn. Im deutschfranzösischen Krieg 1870/71 nahmen an der Schlacht bei Sedan auch zwei Benninghoff-Söhne teil. Royer lebte damals als über 8ojähriger in der Nähe von Sedan. Er soll um diese Zeit geschrieben haben, wenn er gewußt hätte, daß Verwandte seiner ersten Frau auf dem Schlachtfeld gewesen wären, würde ihm kein Weg zu weit gewesen sein, diese aufzusuchen. Über seinen weiteren Verbleib in Frankreich ließ sich feststellen, daß er um 1835 Lieutenant des Douanes in Carignan (Ardennes) war. Kurz vorher hatte er zum zweiten Mal geheiratet (Marie Catherine geb. Bertrand). Aus dieser Ehe ging eine einzige Tochter (Marguerite Melanie) hervor. Letztere wohnte als Ehefrau des Zollbeamten Thierry Ende der siebziger Jahre in Doncherie (Ardennes) und stand mit ihrem deutschen Halbbruder auch noch in brieflicher Verbindung. Der Vater Louis Royer starb am 13. 11. 1873 in Margut bei Sedan als pensionierter Zoll-Lieutenant. Er hat somit ein Alter von 87 Jahren ereicht, so daß er seine erste Frau Anna Sybille um 60 Jahre überlebt hat.

Der Sohn Peter Nikolaus Royer (+ 1882) war später Postmeister und Landwirt (Gemeindeverordneter), in Drevenack und wohnte dort im Haus Nr. 71, dem alten, 1899 abgebrannten Posthaus (s. Aufsatz Anno dazumal in Peddenberg” im Heimatkalender 1967). Er hatte einen einzigen Sohn aus erster Ehe Gustav Royer (geb. 1838) , Landwirt in Krudenburg, der 1895 ohne Nachkommen starb. Von seinen drei Töchtern aus zweiter Ehe heiratete die eine den Hünxer Bauunternehmer Ernst Bönneken (Großvater des Verfassers).

Auch die anderen beiden Töchter heirateten in niederrheinische Familien ein.

Der Familienname Royer ist in der Namenslinie in Krudenburg und Drevenack ausgestorben und dort sicher längst in Vergessenheit geraten. Das französische Blut des napoleonischen Zöllners lebt aber in den Nachkommen seiner Enkelinnen bis heute fort.

 

 

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Das grüne Tal

Das Grüne TAL
von Erich Bockemühl

Von gestern, ehegestern, von heute und auch immerdar
Es weht ein feuchter grüner Wind durch das Tal in Frühlingszeiten und im Herbst und auch in den frühen Stunden der Sommertage, und von den Hügeln beiderseits flutet das Grün in Wellen hernieder bis zum Fluß, wo es dicht am Ufer brandet, sich aufbäumt in den Gebüschen der Weiden, Pappeln und Erlen und dann, zurückflutend, sich in der Stille der kleinen Bucht aller Unruhe begibt. Im grellen Sonnenlicht sind die Spitzen der Weidensträucher hell aufleuchtend wie weißlich-grüner Schaum der Weidenkämme. Da aber, wo die Pflanze Wasserliesch, die doldige Schwanenblume, wie man sie nennt, ihre roten Blüten über die schlanken schwertlilienartigen Blätter hinaufhebt, wo der Wasserdost mit seinem süß duftenden Nektar den bunten Schmetterlingen ein Sommerfest bereitet, wo ehemals eine starke Strömung das kleine Gesträuch hinweggerissen hat, mag man hinter die Büsche gelangen, und das grasige Ufer unmittelbar am Fluß ist nicht so steil, daß es einen nicht zum Sitzen einladen könnte, zu einer Ruhestunde vor der kleinen stillen Bucht, die im kaum bemerkbar stillen Kreisen des Wassers selber wie ein Bild der Ruhe ist.
Im Gegensatz zum überglühten Heidestrand des Sommertages ist hier die kühle Stille. Bewegungslos und still Hegt das Floß der Angel auf dem klaren Wasser, und der Fischer, dem nichts anderes zu beobachten gegeben war als das kleine Ding aus Kork mit seinen roten Spitzen, zog dennoch die Angel ein und hing sie in die Zweige. Er wollte nichts als nur die klare Stille sehen und darüber hinaus das leise, sanfte Wellenfließen.
Zwei windzerzauste Pappelbäume stehen ihm gegenüber. In der Beschaulichkeit der Stunde gehen die Gedanken mit den Bildern ihren eigenen Weg. Er kennt alle Menschen dieses Tales und lächelt, indes er vor dem blauen Himmel diese beiden Pappeln sieht. Trotz aller Zerzaustheit und Verwitterung bricht immer wieder doch das Leben durch. Wer ist schuld daran, daß die eine mit gebrochenem Stamm wie eine alte Hexe mit gebeugtem Rücken nur noch am Stock zu gehen vermag, während die andere wenigstens noch das Haupt aufrecht zum Himmel trägt? Sie selber haben sich nicht hierhergepflanzt und den Stürmen preisgegeben, und wahrlich: fadenscheinig genug ist ihr Gewand.
Der eine und die andere”, so hat er bereits still für sich dahingesagt. Es formt sich ihm im träumerischen Sinn wie eine Geschichte von den beiden, denen die Gemeinde allzuletzt das Armutshaus zur “Unterkunft gegeben hat. Ihr ist das Kreuz gebrochen, und er halt länger aus. Warum spricht man so leicht von Schuld und sucht nach ihr? Warum tut man das bei den Menschen immer wieder, während man doch bei den Bäumen nicht nach Schuld und Schicksal fragt? Es ist ein Unterschied und es ist anders wieder doch kein Unterschied. Die Pappeln stehen vor dem Himmel, und der Himmel ist sehr, sehr hoch in diesem Tal. Und wenn man die Pappeln vor diesem Himmel sieht, der rechts und links über die Hügel hin das weite Land umgreift, unter dessen Beständigkeit die Wellen verfließen, Stunde um Stunde, Jahrhunderte um Jahrhunderte, Jahrtausende um Jahrtausende, eine unendliche Zeit dahin, dann sieht man auch die Menschen vor diesem Himmel, unter seiner Beständigkeit und im Verfließen der Zeit, Jahrtausend um Jahrtausend, und dann vermag man es nicht mehr, leichthin von Schuld zu sprechen. Ich habe in alten Papieren gelesen, die in jenem Turm, der von einer längst entschwundenen Burg übriggeblieben ist, bewahrt geblieben sind von der Geschichte dieses Tales, so kann man wohl sagen von vielen Dingen sehr vergangener Zeit. Man erinnert sich der Vergangenheit um so leichter, je traumhafter, je weiter einem in beschaulicher Stille die Stunde wird. Und wenn auch die Fähre nicht mehr wie einst die Menschen und die Wagen und das Vieh hinüberträgt und die kleine Glocke nicht mehr läutet, so ist das alles aus jahrzehntelanger Gewohnheit dennoch gegenwärtig. Wo das Tal sich weitet und die Uferhügel dem großen Strom entgegen schwinden, da wird das Land flach und eben, und man kann nicht ohne Berechtigung sagen, daß sich das Tal wirklich wie ohne Ende breitet: Tal in Tal, bis fern zum Meere hin.
Jenes Dorf mit dem alten Turm aber ist das einzige weithin, das am Ufer dieses Flusses Hegt, Es ist ein kleines Dorf und hatte doch einst einen eigenen Hafen, in dem im Winter die Schiffe lagen, die im Frühling, Sommer und Herbst Steine und Salz aus den fernen Bergen holten. Heute fahren keine Schiffe mehr, aber wenn auch die Söhne der Schiffer von einst an der Eisenbahn oder in Fabriken und Bergwerken arbeiten oder einige wenige nur Bauern sind, so ist ihr Sinn doch immer noch in die Weite gerichtet, mehr und ganz anders als bei den ihnen benachbarten Menschen, die seit je in der Heide Buchweizen, Hafer, Gerste, Flachs und Kartoffeln bauten. Dieses Dorf hat eine sich gerade hinziehende und gepflasterte Straße und schmale Gassen zwischen den Häusern und hatte ehedem eine schwimmende Mühle und eine starke Burg. Von dem Brand vor hundert Jahren war ein einziges Haus übriggeblieben, und das war so, wie die sind, die Ludwig Richter zeichnete oder malte und von denen Matthias Claudius seine Bauernlieder sang. Ach, von dem zu erzählen, was man im alten Turm in alten Schriften lesen kann! Daß ein Pfarrer Kriegsrat wurde es ist schon lange her, um einer Heirat willen, die sonst ein Schandfleck in einer adeligen Familie geworden wäre, daß vor mehr als 200 Jahren ein anderer Pfarrer, der ein Säckchen Korn wollte mahlen lassen, im Mühlengraben ertrank, daß er sein Unglück genau so, wie es sich begeben hat, in der Nacht vorher träumte und unter dem beängstigenden Gefühl seiner Frau erzählte, daß man in der Stadt einen Prozeß führen mußte um eine Torfgerechtsame, der regelrecht zu einem Krieg im Kleinen führte und hernach die nahe Stadt am Strom viel Geld gekostet hat, weil der Besitzer des Schlößchens und des Venns und der vielen ehemaligen Moorstellen den Prozeß gewann.
Was man nicht alles aufzuzeichnen als notwendig erachtete, wenn es sich um Besitz und Geld, um Acker, Wald und Weiden handelte. Heute kennt man schon die Namen nicht mehr, die Geschlechter sind vergangen, und die Äcker, Weiden und der Wald sind unter andere verteilt. Menschen schwinden, aber die Erde bleibt. Wenn eine Eisenbahn gebaut ist, so hat es keinen Sinn mehr, mit breiten Kähnen in die Berge zu fahren. Die Alten haben von jenen Fahrten erzählt, und die Jungen haben es weitererzählt . . . und für die Kinder von heute ist die alte Zeit längst eine Sage geworden. Der alte von Aaken ob er wohl wirklich gelebt hat, der mit seinen Wasserstiefeln in die Fluten stieg und den großen schweren Kahn von der Sandbank hoch und in die Strömung hob, daß er wieder Fahrwasser bekam, und der die Räuber am Ufer mit Bruchsteinen bombardierte, ist ein sagenhafter Held. Urgroßmutter hat ihn noch gekannt. Er war der stärkste Mann in aller Zeit.” Die Söhne der einstigen Schiffer haben alle Arbeit und ein Weib gefunden, und ihre Enkel und Urenkel wohnen in den kleinen Häusern, deren Giebel einheitlich schön zur Straße stehen. Der eine steht, der andere fällt. Wenn der eine die Kraft oder den Mut nicht hat, fällt sein Besitz eines Tages dem anderen zu, und in immer hundert oder noch weniger Jahren ist es immer wieder anders. Auch in den alten Papieren geht es meist um Hunger und Liebe, und wie es damals war, wird es noch in aller Zukunft bleiben. Wenn man das Leben vor dem weiten Himmel sieht, und die Wellen murmeln immer ihr gleiches Lied, dann ist kaum einer weniger als der andere.
Es geht eine Straße durch das grüne Tal, an deren Seite Heidebirken stehen und über die einst die Römer zogen von castra vetera her, jenseits des Rheines, nahe der Stadt, die man Troja nannte und die heule Xanten heißt. Ob es wahr ist, was man sagt, daß das Wort Troja eine Beziehung haben soll zu Hagen Tronje, daß das grüne Tal eine Donau, eine Niederungsau gewesen sei und daß das alte sagenhafte Leben um Sigurd-Siegfried, der durch Gnilaheide ritt zu jenem waberlohumwallten Isenstein, auf dem er Sigridita Brunhild aus dem Schlaf erweckte, in diesem Land, in dieser Heimat geschah? Jene hohen Bäume drüben, im Kreise aufgestellt um einen Hügel, rauschen, so erzählt man, um ein altes Hünengrab. Daß man jenseits an den sandigen Kieshügeln viele Gräber fand mit Waffen ferner Zeit und Urnen auch, zweifelt keiner an, denn die Bauern haben dabeigestanden, als die Herren aus der Stadt mit einer für die Bauern seltsamen Freude jene, wie sie meinten, bedeutsamen Schätzen aus dem Schlaf der Zeiten hoben.
Die deutschen Könige seien durch dieses Tal gezogen, jener gewaltige Kaiser Karl mit seinen Heerhaufen, König Heinrich mit klirrenden Reiterzügen -und Barbarossa gar. Warum nicht auch? Daß die Spanier ihr Wesen auch hier getrieben haben warum nicht gar? Der Halbmond an der Wetterfahne auf dem kleinen Schlößchen am Rand des Heidewaldes zum Fluß hinab soll noch viel weiter zurückweisen. Und die Franzosen haben vor fast 200 Jahren das Pfarrhaus zerstört und verbrannt. Schwere Zeiten! Die alte Pastorsche” hat sechs Stüber aus der Armenkasse erhalten. So stehts im Kirchenbuch. Schwere Zeiten! Schwere Zeiten oft und wieder! Dem Dorfe gegenüber neben der Fährglocke war ein Grab, über dem im Sommer schon Gras gewachsen war, über dem der Herbstwind seine Klage sang, das Grab der mehr als sechzig Toten, deren Namen vielleicht niemand weiß.
Der Bauer tut seine Arbeit jahraus, jahrein, er hat sein Tagewerk zu erfüllen, so wie es ihm die Jahreszeit gebietet. Als man den Kanal gleichlaufend mit dem Flusse grub, Heß er sich erzählen, daß man Knochen von Tieren fernster Zeiten gefunden habe aber er hatte nicht Zeit. Sein Pferd in der Karre wartete auf der Straße, und er dachte wohl, wie alt die Heimat ist! Sein Hof ist alt.sein Geschlecht ist alt, und wenn man ihm sagt, daß es seine Vorfahren waren, die schon vor zweitausend Jahren, als Armin lebte, für die Heimat stritten, dann nickt er nur und denkt: wie die Zeiten hingehen, wie gute und schlechte Ernten, gute und schlechte Jahre miteinander wechseln, wie die Menschen selber hingehen und sterben, manche früh, manche spat im hohen Alter, und wie der Hof immer noch dasteht wie einst. Heimat, Vaterland man denkt darüber wenig nach. Sie mögen Frieden halten in aller Welt. Die Völker selber wollen keinen Krieg. Aber wer vermag über das Schicksal zu gebieten? Man tut seine ArbeÜ, und dann ist Feierabend. Die Glocken läuten wie je und ehedem über das Dorf, den Friedhof hin und über die Wälder und Felder der Landschaft, Über die Heimat”, wie man sagt. Wenn man am Sonntag allein im Hoftor steht, dann spürt man Heimat, und im Herbst nach der Ernte oder winters in der weit und weiß gedehnten Einsamkeit. Und ohne Ende ist der Himmel dieser Landschaft.
Murmelnde Wellen des Flusses. Eine Kuh taucht den Kopf in das Weidengebüsch, um sich der Fliegen zu erwehren, und, sich wendend, sieht man in die unbewußten großen Tieraugen. Wer traumverloren am Gestade sitzt und nichts will und vor hat und sich den Stimmen der Wellen und des leisen Windes überläßt, der mag selber unbewußt in die Stunde schauen, in jenem Zustand, da er der Natur ganz anheimgegeben ist. Das ist dann die Stunde der Stille, der großen Ruhe — und in ihr weitet sich die Welt, das Leben, und die Gedanken gehen ihre eigene Bahn. Der Mensch kann nicht ohne sie sein. Unablässig fließen sie wie die Wellen dahin zwischen den grünen Ufern hin rauscht der Fluß zum Strom, rauscht und braust der Strom zum Meer, und über dem Meer steigen die Wolken auf, die nun der Wind hinüber weht, über die Hügel hin bis ins Endlose. Ein Reiher schwebt mit breitem Flügelschlag empor und schwindet in der blauen Ferne . . .
Kennt ihr die goldene Harmonie des Sternenhimmels? Ich weiß, du kennst die stillen Wege immer noch zwischen alten Pappeln ging der schmale Pfad, und im kleinen Bächlein klangen Mondlichtperlen, und Mondlicht rauschte silbern in dem Blätterwispern, und dein Kleid war mondlichtsilberrauschend. Wir saßen an des Flusses Ufer, da der ganze weite Himmel uns in den Wellen widerklang. Die kühle Nacht in unser Herz, die Sternmusik in unsern Sinn atmen. Wir wohnten einst in diesem Tal, das uns nach grauen Tagen an einem Morgen in Schaumkraut und in Taglichtnelken gleich den ganzen Frühling blühte. Und wir sahen nach vielen Jahren das grüne Tal im bronzenen Herbstlicht, und ich sehe dieses Tal nach viel Erleben, Trauer, Freuden, Kampf und Frieden wieder als Tal der Erde, Tal der Welt und Teil der großen ewigen All-Unendlichkeit.
Leiser Rauch kräuselt sich über den Schornsteinen des Dorfes. Die Wetterfahne auf dem alten Turm bewegt sich leise im Wind, die Fährglocke tönt auch das Abendrot tönt in der Musik der fernen Welt. Ein Reiher, aus dem azurnen Traum der unbegrenzten Fernen heimgekehrt, schwebt wieder zu bekannten Ufern und alten Bäumen, und auch der Angler erhebt sich, seine Schnur um die lange Bambusstange windend er hat nichts gefangen und bringt vielleicht im Nichts den größeren Reichtum heim, die Stille, den Ausgleich. In solcher Abendstunde webt die Seele Ewigkeit, und aufersteht alsdann der andere Mensch, der eigentliche, und so mag sich jeder selber wiederfinden in diesem Frieden der Natur wie im Herzen Gottes.

 

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Baustelle

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Birke

Die Birke auf dem Hügel                                                    Heimatkalender 1964
von Erich Bockemühl

Wir nennen den Hügel, den ich oftmals vom Dorfe aus hinaufwanderte, einen Berg. Der breite Weg ist so wenig begangen und befahren, daß die Kätnersleute auf ihm im Sommer die Schafe und Kühe weiden. Wenn nicht zu beiden Seiten die meist mit Wasser gefüllten Gräben wären, aus denen die Gagel-, Schneeball- und Brombeersträucher wild hervorwuchern, und wenn nicht die Weiden zu Seiten eingezäunt wären, würde man ihn kaum als Weg erkennen, und schnell immer recken sich Gras und Heidekraut, wenn die Karrenräder es niedergedrückt haben, wieder hoch.
Alte Eichen stehen am Rande der Weiden — aber im grauen Herbst, oder, wie nun im weithin weißverschneiten Winter, da ich den Hügel hinaufschreite, scheinen sie überhaupt nicht mehr in den Bezirken menschlicher Zweckmäßigkeit zu stehen, sondern nur noch vor dem Himmel. Und was vor dem Himmel steht, steht vor uns in der Ewigkeit. Das Land dehnt sich bis an den Wald, und der Wald? Wo nun weiße Fläche ist, war vordem auch Wald. Der Wald hüben und drüben ist ein Rest der Waldes, der über Sommer und Winter allezeit das Land überrauschte. Die Wolken und die Sterne sahen hernieder auf den Wald, auf nichts als Wald — und die Landschaft, die Erde, sah durch die Wipfel und das Geäst allenthalben hinauf zu den Wolken und Sternen des Himmels. Vor diesem Wald war ein anderer und doch derselbe Wald. Der Wald dieser Zeiten erwuchs aus dem Wald jener Zeiten, und der Wald jener Zeiten aus dem Wald voriger Zeiten. Ich habe mich oft gefragt, woher es kommt, daß ich auf diesem Wege immer meine, in die Vorzeit, in die Vergangenheit selbst, in einen dieszeitlich gegenwärtigen Raum der Vergangenheit zu schreiten. Und ich weiß, daß ich mir die letzte Antwort immer schuldig bleiben werde. Aber indes ich es leise vor mich hin in die weiße und graue Landschaft und Ferne spreche, nämlich: „Ewiger Wald” — ist mir das Gefühl und tiefere Empfinden, das ich bei diesen Worten in mir selbst beobachte, wie eine Antwort.
Die weiße Fläche ist wie ruhende, schlafende Zeit. Wie soll ich nur die Sterne im Schnee — (ich weiß es wohl, daß sie von den Füßen der Fasanenvögel herrühren) — zierliche schöne Sterne — deuten in dieser Einsamkeit, die mich wie Vergangenheit und Ewigkeit berührt? Es macht mich froh, diese Sterne zu sehen, und es kommt mir gar nicht zum Bewußtsein, daß sie von irgendwelchen lebendigen Wesen, die in dieser ewigkeitlichen Einsamkeit zu Hause sein können, herrühren. Es sind schlechthin Sterne im Schnee und sind — in meinem mich-meiner-selbst-Erinnern — Sterne in meinem Gemüt.
Der Himmel ist grau und ohne Sterne. Der Himmel ist grau, das Land ist weiß, der Wald ist dunkel, und ganz oben auf dem Hügel steht ein einziger Baum. Ich liebe die alten Kiefern zur Seite, die im Dunkel ihrer schwarzgeballten Äste die Geheimnisse ferner Zeiten in sich bergen. Dunkle Vögel erheben sich aus ihrer Stille mit schwerem Flügelschlag. Ob ich es wohl weiß, daß es Vögel sind, die im leichten Schweben ihr Sein hinübertragen über den Schnee der Landschaft zwischen Himmel und Erde hin; ob ich selbst ihre Namen kenne, Namen, mit denen sie die Menschen bezeichnen und unterscheiden, so sind sie mir doch in dieser Stunde nichts als ein Geschehen. Ein Geschehen der Landschaft, der Ewigkeit der Landschaft, eine Stille, ein Geheimnis, ein Unerklärbares und ewig Rätselhaftes. Wer vermag das Sein und Wesen jener alten Eichen zu erklären, die mehr als ein Jahrhundert sich wachsend selbst geschehen lassen? Aus welchem Grund?
Zu welchem Zweck und Ziel?
Aus welchem letzten Grund und zu welchem letzten Ziel? Aus welchem letzten Grund und zu welchem letzten Ziel und Zweck die Häuser, die alten, die an diesem winterlichen Dämmerabend in sich ruhenden, verschlossenen, geduckten, schlafenden sich breitenden Bauernhäuser dort unter den Bäumen stehen? Aus welchem Grunde und zu welchem Zweck und Ziel die Erde, die große Erde zwischen den Himmeln schwebt? Zu welchem Ziel und aus welchem Grund die Himmel, sich in sich rundend ich vermag den Gedanken nicht mehr nachzugehen: denn wie vermag ich es zu denken, daß auch die Himmel, sich in sich rundend, schweben — und in welchem Raum? Und in welcher Einigkeit mag das Zentrum des Bewußtseins sein? Und der Punktgedanke jenes Welt-All-Bewußtseins: aus welchem Grund und zu welchem Zweck und Ziel? Und wenn das Leben dieses Allumfassenden nichts weiter ist, als ein ewig sich wiederholendes in sich und zu sich selbst Erfüllen? Aus welchem Gedanken und zu welchem Zweck und Ziel?
Indem mich ein erschauderndes Erschrecken überkommt, stehe ich oben bei dem alten Birkenbaum, der das einzige Wesen der Höhe ist — und indem ich mit kaltem Frösteln über die Landschaft schaue, ist es mir, als wenn die Sterne im Schnee (die Sterne in meinem Gemüt) ein leises Singen begännen — und in jenem Haus der Menschenzeit, das dort am Rande des Waldes liegt, erscheint ein Licht, das durch die kleinen Fensterscheiben leuchtet. Es beginnt zu schneien, und auch dieses Schneien ist mir ein tröstliches Geschehen in der Einsamkeit des weithin ewigen Seins.
Immer doch war mir dieser Birkenbaum ein Wanderziel. Sonderbar — ich bemerkte ihn in den lichten Zeiten seines Ergrünens kaum, und auch unter dem Sonnenhimmel, vor den wogenden, das ganze Gold des Sommers hügelaufwogenden Reifefeldern nicht. Als er die schwarzen Reiseräste vor dem grauen Winterhimmel an seinen Enden herniederhängen ließ, als seien sie schwer von Nebel und Traurigkeit, da erst habe ich ihn erkannt: Aus dem Tale her bei meinem Schreiten zur Höhe hinauf. Und immer war es von unten her, als sei er viel größer als seine wirkliche Gestalt. Und nun auch in der Erinnerung ist er mir mächtig hinaufgewachsen und so, als breite er seine Äste über das ganze Land — vom Himmel her über den Schnee und den Wald und die Häuser und über mich, der ich mich von ihm behütet meine. Trägt er den Himmel und die Wolken und nachts die Sterne? Seine Wurzeln greifen tief hinein in den Berg und in der Erde Grund —Weltenbaum mit dem verborgenen Wissen der Geheimnisse der Höhe und der Tiefe — und zwischen dieser Höhe und Tiefe wandern wir Menschen in dieser Einsamkeit des ewigen Seins
Unsere besten Gedanken sind in der Erinnerung unserer Träume bedingt. Im Unerklärlichen steht unser Leben — und es ist weder Traum noch Phantasie, sondern allen Daseins wahrhafte Wirklichkeit, daß wir, ob hier, ob da, in unserer Zeitlichkeit durch das Ewige schreiten und daß wir uns allein in dem Bewußtsein dieses Ewigen in der Zeitlichkeit zu Hause — in der Heimat — fühlen . . .
Sterne im Schnee, Sterne in meinem Gemüt — und unter dem Weltenbaum der Höhe stehend blüht mir im Tal das schöne Leuchten aus dem Fenster eines Menschenhauses.

Man muß, will man sein Glück genießen, die Freiheit zu behaupten wissen.
Gellert

 

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Aus den Erinnerungen eines Dorfschullehrers

Aus den Erinnerungen eines Dorfschullehrers
von Erich Bockemühl                                                                           Heimatkalender 1969

 

Aus den Erinnerungen eines Dorfschullehrers

Die alten mächtigen Kiefern des Heidewaldes, in dem vor hundert Jahren das Schulhaus breit-hin gebaut wurde, sterben langsam dahin, und den beiden letzten dunkelborkigen und gar nicht mehr weißen alten Birken brach vor einiger Zeit der Wirbelsturm die morschen Äste aus den hohen Kronen. Ihre Zeit ist vorbei, und der Schreiner wird ihnen schon im nächsten Herbst ein schnelles Sterben geben. Man liebt die Bäume, mit denen man Jahrzehnte lebte, ihr lieblich helles Blättergewölk im frühen Frühjahr und ihr freundliches Vergolden im sonnigen Herbst. In den Kronen unserer alten Bäume nisten die Elstern, flötet der Pirol und klettern und springen die Eichhörnchen. Wenn aber die letzte Kiefer mit ihrem nun noch rauschend geballten dunklen Nadelgeäst auch zerbrochen sein wird, dann steht die Eiche immer noch, obwohl zweimal der Blitz sie zu zersplittern drohte, breit und stark über den zarten jungen Linden und wahrt vielfach schicksalumdroht Jahr für Jahr mit neuem Ergrünen ihr trotzendes Dasein. Schon aber ragt an der anderen Seite des Hauses die Akazie hoch über die Drähte der Starkstromleitung hinaus. In den Tagen des Ersten Weltkrieges habe ich den Baum selbst gepflanzt und später oder früher alle die Sträucher, durch deren buschiges Erbreiten, wie wir es lieben, dem sogenannten „Vorgärtchen” nur ein einziges Blumenbeet geblieben ist. Den Dank für dieses scheinbare Verzichten singen mir im Lenz die Drosseln und die Grasmücken und auch noch die Nachtigallen über den wilden Rosen, dem wilden Flieder, Faulbaum und rankenden Geißblatt oder in den Ebereschenbüschen, die im späten Sommer ihre roten Früchtedolden hängen lassen. So wächst und singt und blüht der Wald bis in unser Haus, bis dicht an die Fensterscheiben meines Arbeitszimmers, und es rauscht der Wind der Ebene, der weiten Heidelandschaft — und es braust der Sturm der Ferne über unser Haus und durch unsere Seelen, wenn wir in den Abenden die Stille und in der Einsamkeit die größere Gemeinsamkeit erleben.

Wenn mich einer fragen sollte, warum mir diese Landschaft zur neuen und wohl eigentlichen Heimat wurde, dann werde ich sagen, daß ich sie liebe, daß einer seine Heimat suchen kann, indem sie ihm im Blut liegt, daß in diesem Blut ein unbewußtes Drängen ist, eine verhaltene Sehnsucht, die sich zu erfüllen scheint in einem Finden, einer Beruhigung und Stille, aus der ein neues Wachstum, Werden sich gestaltet. Man steht zwischen grünen Hecken eines Dorfes, in dem ein Kirchturm wie ein Wehrturm aufragt, und sieht vor allem ringsum eine Ferne, aus der der Blick zurückkehrt über Wälder, Heide, Felder, und freut sich im kleinen auch, daß die Wacholder noch bis auf den Schulhof wachsen. Dies war einmal. Das Besitzergreifen oder das Erleben der Einswerdung einer inneren und äußeren Landschaft, das war einmal und ist immer wieder, weil alle Jahre ein neuer Frühling wird und neuer, herber Herbst, dem die Landschaft mit den dunklen Kiefern und den alten Eichen auf der Landwehr mehr gemäß ist als irgend einer anderen Jahreszeit, und weil mit jedem Tag ein neuer Morgen wird über den östlichen Hügeln, über die sich der Qualm der ersten Zechen wölbt — und ein neuer Abend, in dem das Land in Wolkennebel oder rötlich goldener Sonne, die aus den finsteren Föhren noch viel roter scheint, versinkt. Und wenn mich einer nach dieser Heimat fragt, sehe ich nun schon meine Enkelkinder im Sande spielen — auf dem hohen Hügel vor der Kirche — auf dem einst meine Kinder Burgen bauten, Häuser und Türme und Backöfen, in denen man die aus Mutters Hühnerstall gestohlenen Eier braten kann, und ich erinnere mich, daß meine großen Jungen mit Pferd und Wagen umzugehen wissen, und daß meine Töchter heute noch, aus den Städten heimgekehrt, mit den Gespielinnen von einst plattdeutsch sprechen. Und ich sehe Mädel und Jungen vor mir, wie sie eines Sinnes mit mir werden, wenn ich ihnen von der Landschaft erzähle, ihrer Einfachheit und Schlichtheit und Ursprünglichkeit, die sich auch in ihren Bewohnern offenbart und die ihnen und uns allen ein Sinnbild sein kann für alles, was die Zeit von uns verlangt: Schlichtheit, Einfachheit, Ursprünglichkeit . . ., die Bereitschaft, zu entbehren, arm sein zu können um des anderen, um eines inneren Reichtums willen . . ., kraftvoll den Stürmen, dem Schicksal, bereit — so, wie sich diese Landschaft dartut in gebreiteter Ergebenheit und so, wie die einsamen Menschen dieser Landschaft selber sind: zäh dem Augenblick und dem Unendlichen ergeben; denn heiße Sommer verbrannten noch vor wenigen Jahren ihr spärliches Wiesengras, und noch in diesem letzten Jahre ergrünten die Körner des vom Regen niedergeschlagenen Hafers, ehe er gemäht war . . .

Wenn ich sage, daß ich Lehrer dieser Landschaft war, der die Kinder einstiger Schüler und Schülerinnen wieder aus der Schule entließ, und wenn ich von dieser Schulmeisterei erzählen sollte, dann würde ich wieder von der Landschaft erzählen und ihren Menschen, denn es ist alles Lernen ein Unding und ein Irrtum, wenn es anders sein soll, als daß sich das innerste Auge, das innerste Ohr auftut und schaut und lauscht . . . und ist es dann nicht die Heimat selbst, die ruft und zugleich gerufen wird und in Bereitschaft ist, die sich regt, erregte und wirkend wirklich ist? Alles Lernen kann nur heimatliches Lernen sein, denn auch die große Welt ist Heimat dem, der Heimat hat. Und ein anderes noch: es wird niemand die einfache und kleine Schönheit sehen, der sich in sich selber nicht die Ursprünglichkeit des einfachen Wesens gewahrt hat, der nicht die große Schönheit in sich selber trägt. In diesem Sinne ist es wahr, was immer noch der Bauer spricht,, daß nur der im Großen treu ist, der im Kleinen seine Treue in der einfachsten und kleinsten Gemeinschaft offenbart. Wenn mich aber einer fragt, warum ich immer noch im Herzen Lehrer bin, dann antworte ich, daß ich es immer wieder bin und daß ich als Lehrer wie als Dichter eines bin: Schaffender aus Notwendigkeiten, die ich selber nicht bestimmen kann, in denen aber die Landschaft meiner Wahlheimat vielfach bestimmend ist.

Knut Hamsuns „Segen der Erde” mit dem Bauer, der „ein Baumstumpf ist mit Erde dran, inwendig aber wie ein Kind”, könnte sich in dieser Landschaft der rechtsniederrheinischen Heidehöhen ereignet haben, und Maler, die die Metaphysik dieser Landschaft und die Arbeit malten, könnten dieses Buch illustrieren. Hamsuns unendlicher Blick und die weltfromme Verehrung alles natürlichen und wahren Seins! Der Bauer hat das Ödland urbar gemacht. Vor fünfzig Jahren noch schickte er seine Heidschnuckenherde zwischen die hellen und die dunklen Wacholder. Auf der Höhe ist nichts als Sand, und das Leben ist anders als auf dem Marschboden der Niederung. Zähigkeit und letzte Sparsamkeit aber haben auch den Heidebauer wohlhabend gemacht . . . Und wenn — Gott sei es geklagt — manches Bruch und mancher stille Weiher trockengelegt wurden und Wollgras und Sonnentau und der himmelblaue Enzian mehr und mehr verschwinden, so ist doch noch manches Bild einstiger Ursprünglichkeit geblieben und wird uns als Sinnbild und Wirklichkeit zugleich für alle Zeiten gewahrt. Wer Annette von Drostes „Heidebilder” in Wald und Flur erleben will, der mag durch diese Landschaft wandern. Und wer weitergeht, die Höhen hinauf, die der Gletscher der Vorzeit angeschüttet hat, der mag in herbstlichen Abenden, dem orgelnden Röhren der Hirsche lauschend, Ursprünglichkeit und unmittelbare Natur erleben.

Auf der Landwehr, einem Grenzwall, wahrscheinlich aus der Merowingerzeit, stehen die alten Eichenstümpfe. Karl und Widukind und früher Hermann und die Römer! Heinrich I, Otto der Große und die späteren Franken — in diesem Land der Niedersachsen und der Franken und der Friesen ist in früher Zeit viel geschehen. Jener Kirchturm ist fast tausend Jahre alt. Memoirensteine mit dem germanischen Sonnenzeichen in der Mauer stammen aus dem 10. und 9. Jahrhundert. Herbe Wirklichkeit des Naturempfindens verbindet sich mit dem Empfinden ferner germanisch-deutscher Vergangenheit, und das Hünengrab und sonderbare Formationen in der Heide und im hügeligen Wald verstärken das Gefühl der Bodenständigkeit und Erdverwachsenheit auch eines Bauerntums, das — wenn auch die Kinder heute vielfach hochdeutsch sprechen — ursprüngliches Wesen gewahrt hat in Sitten und Gebräuchen wie in der herben Sachlichkeit, die der karge Sandboden bedingt, wie in der Verborgenheit der Seelen, die wie überhängt sind vom schleierhaften Geheimnis, das auch — und selbst in hellen Sommertagen — über der weiten Fläche der Landschaft mit ihren Wacholdern, dunklen Kiefern, ihren bewegten Birken und an Wassern immer bewegter Pappeln und selbst über dem blühenden Meer der gelben Ginsterwogen des Frühlings, über dem die Heidelerche singt und der Kuckuck ruft, zu schweben scheint . . .

Von den sandigen Höhen wandern die Bäume der Wälder in Alleen durch die wogenden Felder der Niederung und weiter bis zum Strom und ins brüderlich-niederrheinische Land der anderen Seite. Rechts breiten sich die Wälder und Felder ins westfälische Land — und nah, ganz nah ist die Industrie, deren feurigen Schein wir im Abend sehen und die wir als die ferne Küste eines wirklich anderen Lebens empfinden, wenn unser Dorf die stille Insel ist im Meer der Heide und der Wald- und Felderflur. War dies einmal und ist es schon nicht mehr? Aber was einmal wirklich war, lebt in der Seele immer noch, wenn sie ihr Eigentliches nur zu wahren weiß.

Heimat als Wurzelung — und Seele als Volksnatur und Wesenheit ewiger Welt! Heimat als Sinnbild im Gegensatz zu aller sentimentalen lokalpatriotischen Begrenzung! Die Aufgabe des Dichters kann nicht begrenzt sein, indem sein Blut die Aufgaben seines Müssens vor allem Anfang gegeben hat. Ein wahrhaft persönlicher Mensch aber ist ein heimatlicher und volksverbundener Mensch. Der Dichtung eines Menschen aber werden immer die Bilder und Besonderheiten der Landschaft, die ihn selbst vielfach bestimmt, zu eigen sein. Es mag einer seine Heimat vor allem Wollen haben — derjenige aber, der sie zuerst suchen muß, sucht sie mehr in sich als außerhalb und findet außerhalb nichts als die Bestätigung seines Innern. Und was wir Wahlheimat nennen, ist somit nicht minder vorbestimmt.

Herbst- und Winterstürme brausten wieder einmal über unser Haus, die die Stürme unserer Heimat sind, und — wir wissen und fühlen es wohl — die Stürme auch der ewigen Welt. Aus Herbst und Winter war wieder Frühling geworden, und wir sehen es schon jetzt, daß unsere alten Birken doch noch einmal ergrünen konnten. Unsere Frühlingswinde, die in heimatlichen Bäumen wehen, wehen weit hinüber übers Land zu denen auch, die die Schule und das Dorf verlassen haben. An den  Lebensbäumen unserer Heimat grünt Erinnerung . . .

Uns ist wohlgetan.

Wenn aus der dunklen Stunden Erdreich

sich die lichte Blüte Heimat treu erschließt . . .

Mögen sie, die ferngewandert sind, ihres Heimatwesens wunderbare Erdengüte grüßen — wir grüßen sie alle gern mit demselben Gruß. Denn — es ist so hier bei uns — wir kennen uns alle noch . . .

Es ist das tiefste Glück der Einsamkeit, daß in ihr die größte tatbedingte Gemeinsamkeit beruht und damit die Kraft zu zeit- und ewigkeitbedingtem Kampf im Dienste des, das wir „Leben” nennen.

Es sind Jahre vergangen, seit ich dieses schrieb, und es sind schwere Schicksale über uns dahingegangen. Was in uns bleibend ist, ist unsere seelische Substanz. Ich war wieder einmal dort, wo nicht meine Wiege stand, wo aber meine Seele Heimat fand. Die Landschaft und die Menschen als Einheit in sich zu tragen, die alten Kiefern und die jungen Birken in einer himmelüberwölbten Einheit in sich als unzerstörbar lebendiges Wesens-Sein zu wissen, das ist Heimat im vielfältigen, nicht zuletzt auch sozialen Sinn. Man spürt es, wenn man wiederkommt, und mehr noch immer wieder, wenn man Abschied nimmt, wie man bis in die Sphären des Unbewußten hinein der Landschaft und wie einem die Landschaft selbst treu geblieben ist und wie man sich gegenseitig treu verbunden bleiben wird.

 

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Kinderschuh

Die Feuersbrunst                                                                           Heimatkalender 1964
von Erich Bockemühl

Das rote Schleifchen und der Kinderschuh . . .

Irgendwo also muß ein Funke gewesen sein, irgendwo in einer Ecke unterm Stroh. Der Bauer hatte sein Korn trocken eingefahren, woher also nun mochte das Feuer sein? Für einen Chemiker wäre es vielleicht eine interessante Aufgabe gewesen, alle Möglichkeiten zu prüfen — denn was war es? Ein chemischer Vorgang doch, gar nichts Besonderes übrigens. Es wird irgendein neuer Stoff hervorgebracht, und dann brennt die Scheune, der Stall, das Wohnhaus, sogar, wenn es nicht versichert ist,  brennt alles herunter und ist zuletzt ein Aschenhaufen übrig, erst noch qualmend, aufflackernd zuweilen, und nachher, wenn ein Regen fällt, liegt alles schwarz, grau und tot. Dann mag einer suchen, ob er nicht ein Erinnerungsstück und Andenken findet, — er mag die Balken, die Steine herausziehen, mag alles umwenden, Balken, Steine, Asche, Schutt, Tierknochen. Vielleicht, daß irgendwo der kleine Schädel gefunden wird, ein Arm oder Bein oder das rote Schleifchen noch vom Hals, ein Kinderschuh. Das rote Schleifchen könnte ein Erinnerungsstück für die Mutter werden. Wenn sie sehr alt ist, mag sie ihren Enkelkindern erzählen, wie das Haus verbrannte. Da wächst übrigens jetzt Getreide im Sommer, Klee im Herbst, dann duftet das Feld süß und gar nicht nach Brand, und die Bienen summen. Die Kinder wissen nichts vom Brandgeruch des Feldes, aber die Alten. Und wenn es Lupine ist mit ihrem süßen Duft: die Alten vergessen das nie, das Geknatter der Flammen, die flatternden Fahnen aus den Dächern, das Feld riecht immer noch nach Brand. Die Großmutter erzählt gern von dem schwersten Tag ihres Lebens. Sie weint dann alkmal und ist doch nicht traurig, nein, sie geht sehr gern an das kleine Kästchen und sucht die rote Schleife und den Kinderschuh. Die Großmutter ist sehr alt und sehr stolz und froh, daß sie die Andenken hat, denn es ist sehr wichtig, alt zu sein und die letzte zu sein, die den großen Brand miterlebte und das zu erzählen an Nachbarskinder und an den neuen Pfarrer. Ja, wenn sie damals nicht alles verloren gehabt hätten! Sie waren ganz arm gewesen, Geld, alles war fort. Nur das rote Schleifchen und der Kinderschuh . . . Kleine Ursache, große Wirkung, sagte einer. Nur das Fünkchen, das winzige Fünkchen im Stroh! Es kann nicht anders sein, als daß ein Tier dort gestorben ist, oder daß eine Katze gejungt hat und die Brut hernach verwest ist. Es weiß keiner. Die Menschen liegen da und schlafen und haben die Suppe gegessen am Abend, und am andern Tag hat einer Geburtstag, und die Kuh wird bald kalben müssen — und die gewaltige Flamme schlägt schon bis ans Dach, wie ein großes, flackerndes Fahnentuch weht die Flamme über dem Haus. Das kleine Kind war in seiner Angst fortgelaufen, als es der Vater greifen wollte, und schon brach das Gebälk, daß es hinunter in die Flammen fiel. Daß das rote Schleifchen und der kleine Schuh erhalten blieben: wer wußte wohl, wie das möglich war!

Das kleine Fünkchen im Stroh: ob ein Fünkchen lebendig ist? Da es doch wie ein Auge schaut in der Nacht? Ein Auge, wachsend, schlagt das Auge tot, oder es wächst ein Tier, schwarzes Tier mit roter Zunge, das leckt am Stroh, leckt die roten Schlangen wach, oder bricht sie aus, rote Schlangen immerfort, hui, hui, rasend, schlängelnd hinauf. Was ist aufgeweckt? Der „rote Hahn” auf dem Dach? Er sank längst schon wieder hinab, vom Dach hinab, denn das Dach brach ab, prasselnd, keuchend! Wie die Funken fliegen im Wind! Ein Dach brennt, zwei Dächer, drei, vier — da ist kein Dach mehr, alles bricht zusammen. Und einen Tag lang glüht ein Ungetüm, ein Rätselhaftes unter Trümmern, ein glühendes Tier, am Abend ist das dunkle, schwarze Nichts. Am Abend zieht ein Häuflein Menschen barhaupt und weinend durch den Wald! Ein Fünklein, kleinstes Fünklein — oh, das Geheimnis: ohne irgendeinen Willen, einen Gedanken, bricht der Menschen Werk zusammen, und ist keiner, der des Rätsels Lösung zu ergründen weiß, kein Chemiker und Prophet — und war doch einer, der zu wissen glaubte (Großmutter hat’s erzählt): der alte Schäfer, der helle Sinne hat. Er hat den Tod gesehen vom Wald kommen in der Nacht. Der Tod hat das Fünkchen in das Stroh geworfen — er hat den Tod gesehen durch die Flammen reiten, der Tod hat das Kind aus seinem Bett herausgerissen und hinweggeführt und ist dann zwischen allen Menschen hergegangen und hat gelächelt; die rote Schleife und den Kinderschuh hat er hernach zurückgebracht und unter kalten Schutt gelegt. Denn ob er grausam ist, immer eine letzte Güte weiß der Tod.

Ja, helle Sinne hat der alte Schäfer, der Salomon … er hat den Tod in der Nacht auf den Trümmern gesehen, auf der Steinbank hat er gesessen unter dem alten Baum, er hat den Kopf in die Hand gestützt und hat geweint. Er hat den Mantel fest angezogen, weil ihn fror, ob auch die Glut noch nicht erloschen war. Wunderliche Dinge weiß der Salomon vom Tod, der weint, weil er den Menschen Böses tut, weint über Gott, der ihn herabgeschickt hat. Ein Funke in dem Stroh? Salomon lacht — das sind nicht Funken. Er hat den Tod gesehen dunkel in den Flammen mit wehendem Mantel hoch überm Dach (die Hahnenfeder wippte auf und nieder von dem schwarzen Hut), gebietend allen Tausend und Millionen Geistern der Feuerwelt. Jedoch das Kind, das kleine süße Annchen, das so lieblich plaudern konnte, hat er selbst hinabgestoßen und hat auch selbst, da alles doch verbrannte, das Schleifchen und den kleinen Kinderschuh gerettet.

 

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Merkes

Förster Merkes, eine Märchendichtung  Heimatkalender 1963
von Erich Bockemühl

Er sich fürchten vor der alten Kruße, wie man hierzulande sagte, der alten Hexe? Er Förster Merkes, den sie alle kannten und den Starken nannten? Sie hat ihn einmal angeführt, als er das Unglück mit den Kühen hatte, und kam ins Haus wie eine gute Alte und gab ihm Milch in Gottes Namen, wie sie sagte; und da der Förster noch nicht lange Zeit im Weseler Walde, die Leute nicht kannte und also glaubte, daß eine gute Nachbarin sein Unglück rühre, nahm die Milch mit Dank und Freude an. Doch als sein Weib sie kochte, sprangen lauter Hexen aus dem Schaum, polterten durch die Stube, warfen Tisch und Stühle, Teller, Töpfe, Kannen, alles durcheinander, bis er den Besen nahm und schrecklich dreinschlug und das gottverfluchte Hexenpack zum Teufel jagte. Ja, er sich fürchten . . .! Und doch und immer doch: sein ganzes Leben war ein Kampf mit dem Geschmeiß. Nachts rappeln alle Eimer, alle Türen gehen, schlagen auf und zu, obwohl sie doch verriegelt sind, und im Hof liegt morgens eine Kugel, aus der, wenn man auf sie tritt, sieben Katzen herausspringen mit feurigen Augen. Schlagt sie tot! Wenn sie in die Scheune laufen, brennt das Stroh und Haus und Hof. Einen Mönch hat er holen lassen, der den bösen Geist, die Hexenseele, beschwören sollte. Der ließ einen Wagen kommen, und vier Pferde mußten ihn ziehen; denn der Geist, den der Mönch auf ihn geladen hatte, obwohl unsichtbar, war so schwer, daß er anders nicht wegzukriegen war. Hinter das Haus weit nach dem Walde zu setzten sie ihn auf die trockene Weide, und alle Jahre kam er einen Hahnenschritt wieder näher dem Hause zu. „Soll er kommen”, sagte der alte Förster, „wenn ich nur noch solang lebe.” Aber indes er das sagte (es war am späten Abend, wir saßen bei den Karten und tranken Wein dazu), was kommt da leise übern Kies gefahren? „Das ist sie wieder, das verdammte Teufelsaas!” Und er führte uns ans Fenster. Doch wir wandten uns mit Zittern ab, indes er ruhig lächelnd rief: „Einmal, du Aas, werd ich doch stärker sein als du!” Es war die Hexe wieder, die er meinte. In einem kleinen Wägelchen, dessen Räder sich durch ihren Willen drehten, kein Pferd, kein Hund war vorgespannt, fuhr sie vorbei. Und da saß sie, wie ein Weib, mit einem Tierkopf, aber halb Kuh, halb Hund, und statt der Hörner Schweinerüssel. Und daß man die schreckliche Fratze auch recht gut sehen konnte, trug sie ein Licht in ihrer Hand, mit dem sie sich beleuchtete.

Es war dann in der Zeit, als man den Förster drüben am Bach wie tot aufgefunden hatte. Als man ihn anrief, war er wieder wach und ganz gesund. „Das Teufelsaas”, so sagte er, „da hat es mich wieder gehabt. Ein Männchen, klein wie’n Ekerken, springt mir da auf meine Schulter, und ich falle um und muß bis zum Morgen liegen.” Andern Tag geht er auf die Jagd, schießt ein Reh, und das Reh läuft ruhig, als wenn nichts geschehen wäre, weiter. Er schießt wieder, sechs Patronen hat er drauf verschossen, und bei der siebenten verwandelt sich das Tier — wirklich — wieder in die alte Kruße. „Ich brenne ihr eins drauf, noch eins gleich aus dem andern Lauf … da lacht das Aas, wie nur der Teufel selber lachen kann, und springt mit unanständig hochgehobenen Röcken in den Wald hinein.”

Ja, der alte Förster; einmal hat’s ihn doch gepackt; ein Auge hat er noch verloren, drei Tage wars vor seinem Tod: geht er da am Graben an dem alten Weidenbaum vorbei, schweben oder gehen aus der Höhlung des alten Stammes drei Jungfrauen heraus, von denen eine ruft: „Kennst au mich noch?”, und wie Katzen rufen die anderen nach: „Mich auch? Mich auch?” . . . daß er wie versteinert stehen bleibt — und als er nach Hause kommt, fehlt ihm ein  Auge, das die Teufelsfrauen ihm ausgekratzt haben. Förster Mer kes ist seit dem Tage nicht mehr in den Wald gegangen, nicht mehr aus dem Haus und nicht mehr aus dem Bett. Die Leute sagen, daß er einen schweren Kampf gehabt habe, er müsse in seiner Jugend einmal etwas Böses getan haben, weshalb auch die drei Jungfrauen ihm noch begegnet seien. Hin und her habe er sich gewälzt, gestöhnt und keine Ruhe finden können, bis er seiner Frau sein ganzes Leben erzählt habe — dann sei er still und ganz  in Frieden eingeschlafen.

In dem Augenblick aber, als er die Augen schloß, fegte ein Sturmwind um das Haus; die alte Hexe ritt mit Geheul immer rund und mit einem Feuerschweif hinter sich und habe nach des Toten Seele geschrien. Da aber habe des Försters Frau den Mut gefaßt, sei vors Haus gegangen und habe sich der Hexe entgegengestellt mit ausgebreiteten Armen und anzusehen wie ein großes Kreuz. Einen langen Schrei habe man noch gehört, huiii, als wenn der Wind durch die hohen Kiefern saust, und dann sei Stille gewesen für alle Zeit, und des  Försters Frau war nichts geschehen.

Den Förster Merkes haben sie begraben, und keine Hexe und kein böser Geist mehr haben sich sehen lassen. Nur zuweilen, wenn die Bäume wehen und einer von Förster Merkes Geisterkampf und Leiden erzählt, dann klappern die Fensterladen, dann hört man Stimmen im Wind, bis dann alle lachen ob der Gruselei und sich die Hände reichen: dann ist der Spuk gebannt.

 

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